Immanuel Kant und Theodizee

Von den vorgestellten Theologen und Philosophen ist Kant der einzige, welcher nicht versucht, das Theodizeeproblem zu lösen, sondern darüber schreibt, dass es eben unmöglich ist, dies zu tun. So überprüft er die Antworten der anderen auf die Theodizee auf ihre Plausibilität. Ihm geht es vor allem um die drei Fragen „Was kann ich wissen?“, „Was muss ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“. Er ist sehr kritisch, so sagt er beispielsweise, der Mensch wisse nichts und sei von Natur aus böse.1 Seine kritische Phase hat Kant in den 1780er Jahren.

Eines seiner Hauptwerke ist die „Kritik der reinen Vernunft“. Die Vernunft, die sich aus Gewissen als praktische und Verstand als theoretische Vernunft zusammensetzt, spielt bei ihm eine große Rolle. Der Verstand ist hierbei eingeschränkt, das Gewissen der wesentliche Teil, die praktische Funktion ist also höherwertig. Kant unterscheidet vier Hauptkategorien, nämlich die Quantität, Qualität, Relation und Modalität. Alle vier lassen sich wiederum in je drei Unterkategorien teilen. Des Weiteren wurde Kant durch seinen kategorischen Imperativ bekannt, der da lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Die Vernunft ist für Kant begrenzt. Er sagt, der Mensch könne nur erkennen, was er auch erfahren kann.

Er vertritt eine Position zwischen Empirismus, in dem der Mensch als „hohler Kübel“ (tabula rasa) bezeichnet wird und Rationalismus, welcher behauptet alles komme aus dem Kopf. Für Kant kommen die Daten von außen, jedoch werden sie mit den Vorerfahrungen (a priori) der Menschen verknüpft. Das Datenverarbeitungssystem ist der Verstand, welcher sich in Raum- und Zeitfilter aufgliedert. Glaube und Verstand sind verschiedene Dinge. Als Beispiel kann die Auferstehung Jesu dienen. Diese ist für den Glauben möglich, nicht jedoch für den Verstand. Kants Moralphilosophie bezieht sich vor allem auf das höchste Gut des Menschen, welches sich aus Glück und Sittlichkeit zusammensetzt. Das Theodizeeproblem besteht hierbei darin, dass, wer sittlich lebt, nicht immer auch Glück hat. Die Vernunft fordert nun die ausgleichende Gerechtigkeit in der Zukunft und postuliert hiermit die Unsterblichkeit der Seele. Es gibt laut Kant keinen Gottesbeweis dafür, dass es dem Menschen, der leidet, über den Tod hinaus besser gehen wird.

Die menschliche Vernunft postuliert dies bloß, um eine ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen, kann aber durch ihre Begrenztheit nichts über die Wirklichkeit aussagen. Der Mensch selbst kann zwar über seine Sittlichkeit bestimmen, nicht aber über seine Glückseligkeit, so Kant.

Er kritisiert die Positionen der anderen wie folgt: Zunächst sagt er, wenn das moralische Übel, oder bei ihm das schlechthin Zweckwidrige, 1. als Übel geleugnet würde, wie es bei dem skeptischen Hiob und der Stoa der Fall ist, werde die Vernunft als Gerichtsinstanz suspendiert. Wird es 2. als Folge der Natur der Dinge gesehen, wie bei der Erbsündentheorie, sei es Schicksal und nicht zurechenbare Schuld. Ebenso verhält es sich mit der 3. Ansicht, Gott müsse als Urheber entlastet werden, wie bei Luther. Wendet man nach Kant 1., 2. und 3. auf das physische Übel, das bedingt Zweckwidrige, an, wäre 1. „Sophisterei“, 2., wie es bei Platon ist, die Infragestellung der Qualität einer solchen Schöpfung und 3., wie beim Tun-Ergehen-Zusammenhang, ein so leidvolles Übergangsstadium mit Vernunftgründen nicht erklärbar. Die Erklärungen metaphysischen Übels kritisiert er im 1. Fall durch die ungerechtfertigte Unterstellung einer Gewissenhaftigkeit, im 2., wie z.B. in der Apokalyptik, durch das Gegenteil von Gerechtigkeit und im 3. Fall, wie in der Apokalyptik und bei Luther, durch die Zusammenhanglosigkeit von Natur- und Sittengesetz.

Kant findet also in keiner Auffassung eine hinreichende Erklärung für die Ursache der Theodizee.

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