Johann Wolfgang von Goethe – Gesellschaftspolitische Bedeutung für Deutschland

Goethe gilt seinen Anhängern als der deutsche Dichter – neben ihn gilt kein anderer. Vieles in der deutschen Kultur wäre ohne Goethe nicht möglich gewesen. Besaß Goethe aber bei allen Deutschen zu jeder Zeit die nötige Beachtung? Waren eigentlich die Deutschen immer vom Genie Goethe überzeugt?

Goethe betonte, dass er nicht für die breite Masse geschrieben hätte. Sein Publikum waren die Menschen, die mit ihm seine Gedanken und Vorstellung teilten. Trotzdem wurden seine Frühwerke bei der “breiten Masse” populär. Goethe ärgerte sich später sogar über den Erfolg des “Werther”. Sein “Götz” und “Hermann und Dorothea” setzten diese Erfolge fort. Sein “Faust” war ein Welterfolg und beschäftigte die Künstler über 200 Jahre lang.

Trotz seiner Erfolge mochte Goethe die Deutschen nicht; er blickte bereits über die Nation hinaus. Dieses Missfallen ließen die Deutschen dem Werk des großen Dichters spüren, als das Land zu Goethes 100. Geburtstag keine großen Feierlichkeiten veranstaltete. 1849 und später stand das Schaffen Friedrich Schillers in der Gunst der Deutschen weit höher.

Das vereinte Deutschland nach Bismarck suchte eine einende Figur und fand sie in Johann Wolfgang von Goethe, den man nun als den deutschen Dichterfürsten pathetisch feierte. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs beriefen sich die demokratischen Parteien auf den Geist von Weimar. Deutschland sollte sich auf die Erkenntnisse der Dichter und Philosophen der Weimarer Klassik besinnen.

Während des Dritten Reichs war Goethes Werk im Kulturleben zwar präsent, aber er wurde nicht besonders von den Machthabern hervorgehoben. Vielleicht weil zu dieser Zeit Gerhart Hauptmann, gefeiert als neuer deutscher Dichterfürst, hohes Ansehen bei den Machthabern besaß.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Goethe keine politische Bedeutung mehr. Die DDR versuchte ihn noch für sich in Anspruch zu nehmen. Nach der Wiedervereinigung war Goethe im politischen Bewusstsein nicht relevant. Seine Vorstellungen, die weit über die Grenzen einer einzelnen Nation hinaus gingen, wurden für die europäische Politik nicht mehr benötigt.

“Dass ein deutscher Staat auf dem Weg ins vereinigte Europa Goethes Idee der Weltliteratur, seine Verwerfung jeglichen Nationalismus und Nietzsches darauf abgestimmte Europa-Utopie als ideeles Fundament der Politik brauchen könnte – den Politikern selber kam und kommt es nicht in den Sinn, da sie Europa … nicht als Kultur-Einheit zu sehen gewohnt sind” (Borchmeyer, S. 19.)

Literatur:

Dieter Borchmeyer: Schnellkurs Goethe
Köln: DuMont Literatur und Kunstverlag 2005.

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