Pinchas Lapide und Hans Jonas – Theologie nach Auschwitz aus jüdischer Perspektive

Pinchas Lapide

Pinchas Lapide ist ein selbsternannter jüdischer Theologe, der sich deshalb mit der Theodizeefrage vor allem in Beziehung auf Auschwitz auseinandersetzt. Jedoch ändert er die Frage „Wo war Gott in Auschwitz?“ in „Wo war der Mensch in Auschwitz?“ um. Er macht somit aus der Theodizee die Anthropodizee und wirft den Christen ihre Umschuldung auf Gott für ihre Verbrechen vor. Als Grund sieht er die von Gott verliehene Freiheit an. Der Mensch bekam die Freiheit und nutzte sie aus. Das Risiko, was Gott selbst einging, trat somit ein. Lapide entlastet mit seiner Auffassung Gott und belastet den Menschen, schiebt die Schuld also wieder auf ihn. Unter Theodizee versteht er eher Naturkatastrophen und physische Übel, nicht jedoch die moralischen. Die Verstehbarkeit Gottes ist bei ihm für die Erstgenannten nicht gegeben. Um moralische Übel zu beseitigen, für die ja der Mensch verantwortlich ist, ist eine moralische Erziehung notwendig.

Im Seminar wurde Lapide vor allem mit Luther verglichen. Zunächst ging es hierbei um die Deutung des Sündenfalls in Gen 3. Lapide stellt die Frage „War Eva an allem Schuld?“. Er ist der Auffassung, im Menschen seien Triebe und er habe nun die Wahl, welchen er nachgehe. Der Mensch hat also die Triebe, nicht die Triebe haben den Menschen. Diese Triebe lösen denn auch die Übel in der Welt aus. Durch die Wahlfreiheit zwischen Gut und Böse, unterscheidet sich Lapide deutlich von Luther, welcher, wie bereits erwähnt, der Auffassung ist, das Böse würde den Menschen besitzen. Mit der Freiheit des Menschen wird ihm zugleich die Verantwortung für die Welt übergeben. So trifft Gott keine Schuld mehr für die moralischen Übel, sondern der Mensch selbst, welcher sich die Frage stellt, wieso sie existieren, wenn es einen gerechten Gott gibt, löst sie aus.

Hans Jonas

Hans Jonas war ein deutscher, jüdischer Philosoph, welcher 1933 in die USA emigrierte und das Buch „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ veröffentlichte. Er beschäftigt sich also, wie Lapide, mit der Theodizee in Bezug auf Auschwitz. Jonas ist der Auffassung, man müsse, solange man an einen gerechten Gott glaube, immer eines der Gottesattribute streichen, obwohl die Verstehbarkeit für ihn nicht als eigentliches Attribut zählt, da es ein „Attribut des Verhältnisses zwischen Menschen ist“.1 Seiner Meinung nach muss am ehesten die Allmacht gestrichen werden. So existiert für Jonas ein Gott, der Interesse an der Welt hat, sie jedoch nicht beeinflusst. Allerdings ist Gott nicht, wie bei Pannenberg, ohnmächtig, sondern greift nur einfach nicht in den physischen Verlauf der Welt ein.

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