Was macht einen Kanon aus?

Sogenannte strenge Kanons oder Ringkanons wie „Hejo, spann den Wagen an“, „Oh wie wohl ist mir am Abend“ oder „Bruder Jakob“ kennt jeder vom gemeinsamen Singen im Musikunterricht. Dabei beginnen mehrere Gruppen nacheinander versetzt, einen Text zu singen, sodass ein mehrstimmiger Gesang entsteht, der beliebig lange fortgesetzt werden kann. Doch es steckt mehr hinter dem Begriff „Kanon“.

Herkunft

Das lateinische Wort „Canon“ war in der mittelalterlichen Musik eine Anweisung, einzelne Stimmen eines Musikstücks zu wiederholen. Erst im 16. Jahrhundert entwickelten sich daraus die heute am weitesten bekannten Formen des Kanons.

In der Geschichte großer Komponisten gibt es sehr unterschiedliche Formen und technische Finessen des Kanons. Dabei dreht sich alles um die Kunst des Kontrapunkts, das heißt die Gleichzeitigkeit verschiedener Melodien:

Die Fuge ist eine mit dem Kanon verwandte musikalische Form, bei der eine Melodie gemäß streng vorgegebener Regeln variiert wird. Zum Beispiel in Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Werken „Das Musikalische Opfer“ oder den „Goldberg-Variationen“ werden Kanontechniken angewandt.

Beim Spiralkanon wird nach jedem Durchgang der Melodie in eine andere Tonart gewechselt.

Beim Augmentationskanon werden die Notenwerte der abgeleiteten Stimme vergrößert, sie erklingen also länger. Beim Diminutionskanon werden sie verkleinert und erklingen kürzer. Die Notenwerte können dabei halbiert, gedrittelt, verdoppelt, verdreifacht oder anderweitig multipliziert und geteilt, weshalb man auch den Überbegriff Proportionskanon verwendet.

Beim Krebskanon bzw. Kreuzkanon ist die Melodie einer zweiten Stimme eine rückwärts gelesene Variante zur Melodie der ersten Stimme.

Beim Spiegelkanon bzw. Inversions- oder Intervallumkehrungskanon ist die zweite Stimme eine exakte Spiegelung der ersten. Bewegt sich die eine einen Ganzton nach oben, macht die andere im selben Rhythmus einen Ganztonschritt nach unten.

Der Spiegelkrebskanon kombiniert diese beiden Kompositionstechniken.

Für einen Zirkelkanon werden Noten in einem kreisförmigen System aufgeschrieben. So kann die zweite Stimme in entgegengesetzter Leserichtung einsetzen.

Ein Mehrfachkanon liegt vor, wenn mehrere Kanons miteinander kombiniert werden. Je nachdem, wie viele Kanons übereinander gelagert werden, sagt man dann Doppelkanon, Tripelkanon, Quadrupelkanon und so weiter.

Kann ein Kanon auf verschiedene Weisen vorgetragen werden, ist es ein polymorpher Kanon. Liegt nur eine Melodie und außer einem gewitzten, verrätselten Hinweis keine weitere Anweisung vor, ist es ein Rätselkanon.

Fazit:

Diese vielen verschiedenen Kompositionstechniken verdeutlichen zweierlei: Einerseits, wie ideenreich Komponisten bei ihrer Arbeit sind. Andererseits, wie nahe Musik und Mathematik beieinander liegen.

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