Kognitive Entwicklung nach Piaget

Phase der formalen Operationen

Die formal-operationale Denkfähigkeit beginnt nach Piaget bei vielen Menschen im Alter zwischen 11 und 12 Jahren und sie verbessert sich im Laufe des Erwachsenenwerdens. Grundschulkinder sind noch stark auf das tatsächlich Gegebene und konkret Erfassbare bezogen. Der formal-operationale Denker kann dagegen abstrakte Beziehungen im Kopf durchdenken.

Zum Beispiel kann ein konkret-operationaler Denker die Größe von drei Personen am besten vergleichen, wenn er diese kennt oder sie vor ihm stehen, der formal-operationale Denker kann einen Vergleich auch auf der Ebene verallgemeinerter Vorstellungen durchführen, d.h. wenn A größer als B und B größer als C ist, muss A größer als C sein. Somit kann er eine auf abstraktem Wege gefundene Lösung auf eine Vielzahl von Problemen anwenden.

Nach Piaget ist die höchste Stufe der kognitiven Entwicklung erreicht, wenn ein Mensch formal-operational denken kann. Er kann also logisch und systematisch über konkrete und abstrakte Probleme nachdenken, Vermutungen über mögliche Lösungen anstellen und diese sorgfältig überprüfen. Piaget und Inhelder führten ein Experiment durch. Sie zeigten ihren Versuchspersonen 5 Glasgefäße (A, B, C, D und E), die alle eine farblose Flüssigkeit enthielten. Sie mussten herausfinden, welche Flüssigkeiten vermischt werden müssen, damit eine gelbe Flüssigkeit entsteht.

Konkret-operational denkende Kinder gingen sehr unsystematisch vor: sie gossen A und B, dann C und D und vielleicht noch A, C und E zusammen und vergaßen dabei, welche Kombinationen sie bereits ausprobiert hatten. Es war eher Glück, wenn sie so die richtige Lösung gefunden haben. Formal-operationale Denker gehen viel systematischer vor: sie probieren zunächst alle möglichen Kombinationen von Zwei Gefäßen aus (AB, AC, AD, AE, BC usw.), danach probieren sie die Kombination von drei Gefäßen (ABC, ABD, ABE usw.). Wenn sie jede mögliche Kombination einmal ausprobieren, können sie davon ausgehen, dass sie die Lösung finden.

Konkret-operationalen Denker fällt es zudem meist sehr schwer, Annahmen nachzuvollziehen, die ihren Erfahrungen widersprechen. Gibt man ihnen eine Aufgabe zum Nachdenken, die mit der Feststellung beginnt: „Angenommen, dass Milch schwarz wäre…“ dann protestieren sie oft sofort mit dem Einwand, das ginge nicht, denn Milch sei weiß.

Jugendliche denken oft viel darüber, welche Lebensbedingungen für ihn und für andere als wünschenswert und geradezu ideal anzustreben sind und setzen sich für eine saubere Umwelt oder für Hilfestellungen gegenüber der Dritten Welt ein, doch ihr wünschenswerter Einsatz kommt oftmals mehr in Worten als in Taten zum Ausdruck. Ihre Forderungen nach Veränderung der Lebensbedingungen erscheinen zwar logisch, sind aber in der heutigen Welt oft nicht durchsetzbar. Piaget ah in den Idealvorstellungen den Ausdruck von formal-operationalem Egozentrismus, wo es noch gelingt, eigene logische Schlussfolgerungen von den Sichtweisen anderer zu unterscheiden. Die Jugendlichen brauchen erst noch weitere Erfahrungen, bevor sie ihren Optimismus ein wenig einschränken und die Welt mit mehr Realitätssinn sehen.

Piaget hat dazu geneigt, die Denkfähigkeit von Kindern zu unterschätzen und die Denkmöglichkeiten von Jugendlichen und Erwachsenen zu überschätzen. Er hat später (1972) einmal selbst zugestanden, dass die meisten Erwachsenen formal-operationales Denken nur in Bereichen einsetzen, für die sie bereits größeres Interesse mitbringen oder ein sehr hohes Maß an Erfahrungen aufweisen. Tatsächlich gelingt es bei weitem nicht allen Menschen, formal operational zu denken. Bei einer Studie von Robert Karplus und seinen Mitarbeitern (1979) kam heraus, dass 36 Prozent der Teilnehmer zu einem solchen Denken nicht in der Lage sind.

Die Fähigkeit zum abstrakt-logischen Denken auf dem Prüfstand

Piagets hohe Wertschätzung des Abstrakten geht von der rational bestimmten Kultur aus, in der er selbst aufgewachsen ist und sein Leben lang gearbeitet hat. Die Lehrer stellten den 15-jährigen im Unterricht vergleichsweise abstrakte, kontextlose Zusammenhänge vor, weil sie davon ausgingen, dass sie formal-operational denken können. Auch Tennant und Pogson (1995) stellen fest, dass westliche Kulturen Handarbeit geringer als kognitive Aktivitäten bewerten und daraus ergibt sich, dass sprachliches, abstraktes und komplexes Denken eine sehr viel höhere Anerkennung genießen als konkretes Denken oder das Anwenden von Wissen. So ist für Lehrer das höchste Ziel ihrer Bildungsanstrengungen der junge Mensch, der zu formalen Operationen fähig ist und dem man abstrakte Denkleistungen abverlangen kann.

Helen Bees stellt 1996 fest, dass in der westlichen Kultur praktisch alle Erwachsenen auf dem konkret-operationalen Niveau denken und vielleicht denkt die Hälfte der Erwachsenen zumindest gelegentlich auf dem Niveau formaler Operationen. Demnach machen Erwachsene nur selten von den Denkmöglichkeiten Gebrauch, zu denen sie eigentlich fähig wären.

Der konkret-operationale Denker kann eine Aufgabe wie „Wenn A größer als B ud wenn B größer als C ist, wer ist der Größte?“ nur lösen, wenn er an Stelle der abstrakten Zeichen natürliche Personen setzen kann. Wenn er diese Konkretisierung aber nicht mehr benötigt, nähert sich nach Piaget seine kognitive Entwicklung ihrem Höhepunkt. Spätestens ab dem 12. Lebensjahr sollte es den meisten Schülern möglich sein, solche Aufgaben zu lösen.
Um aber festzustellen, dass dieselben Schüler ihre deduktive Denkfähigkeit auch allgemein, d.h. in verschiedenen Problemsituationen einsetzen können, hat Peter Wason (1968) ein Experiment gemacht.

Kartenaufgabe:

Die Versuchsteilnehmer erfuhren von Wason, dass jede Karte ein weißes oder ein blaues Dreieck auf der einen und einen weißen oder einen blauen Kreis auf der anderen Seite hat. Zu prüfen war nun folgende Behauptung: „Jede Karte mit einem weißen Dreieck auf der einen Seite hat auf der anderen Seite einen blauen Kreis. Wie viele und welche Karten muss man wenden, um herauszufinden, ob diese Behauptung zutrifft?“ (Studenten sollen es sich merken)

Die richtige Antwort ist, dass die Karten 1 und 3 zu wenden sind. Die Rückseite von Karte 1 auf jeden Fall, weil geprüft werden muss, ob sie tatsächlich einen blauen Kreis enthält. karte 3 muss umgedreht werden, weil durch die Prüfung der Rückseite ausgeschlossen wird, dass sich dort ein weißes Dreieck findet. Wason stellte fest, dass viele – auch sehr gut ausgebildete – Menschen faslch reagieren, denn sie erklärten, man müsse die Karten 1 und 4 wenden, um die genannte Behauptung zu prüfen. Sie gingen davon aus, dass gegen die von Wason genannte Regel verstoßen wird, wenn sich hinter dem blauen Kreis kein weißes Dreieck befindet. Das ist allerdings ein Irrtum, denn aus der Behauptung, dass alle A gleich B sind, folgt nicht notwendigerweise, dass alle B gleich A sein müssen. Zum Beispiel wenn alle Menschen Lebewesen sind, folgt nicht, dass alle Lebewesen Menschen sind. Nicht selten haben mehr als 90 Prozent der untersuchten Studierenden die Kartenaufgabe falsch beantwortet, obwohl sie nach Piaget in der Lage gewesen sein müssten, formal operational zu denken. Auch Menschen, die einen Doktorgrad erworben haben, geben keineswegs weniger falsche Antworten als Studenten. Möglicherweise sind die von Wason aufgedeckten Schwächen im logischen Denken durch die besonderen Bedingungen entstanden, die Wason gesetzt hat.Um diese Vermutung überprüfen zu können, hat man die Situation etwas verändert.

Philip Johnson-Laird und Mitarbeiter (1972) legten ihren studentischen Versuchspersonen eine Aufgabe vor, die zur Lösung die gleichen logischen Überlegungen herausforderte wie der Kartenversuch, sie war allerdings in einen Kontext eingebettet worden, der den Versuchspersonen ziemlich gut vertraut war. Statt der Karten mit geometrischen Figuren wurden Briefumschläge verwendet.

Aufgabe:

Den Versuchspersonen wurde die Regel mitgeteilt, dass auf allen verschlossenen Briefumschlägen eine Briefmarke klebt. Sie sollten prüfen, ob diese Regel strikt eingehalten worden war. Welche Briefumschläge müssen sie für die geforderte Prüfung umdrehen?
Die richtige Antwort ist, dass die Vorderseite von Umschlag A daraufhin geprüft werden muss, ob er mit einer Briefmarke frankiert ist und Umschlag D muss umgedreht werden, um zu klären, ob er unverschlossen ist.

Herausgekommen ist, dass 15 Prozent der Versuchspersonen die abstrakte und kontextlose Kartenaufgabe gelöst haben und dagegen 81 Prozent derselben Versuchspersonen die Aufgabe mit den Briefumschlägen richtig hatten. Es wurde also festgestellt, dass Aufgaben wesentlich leichter zu lösen sind, wenn sie in Sachverhalte eingebettet werden, mit denen die Versuchspersonen vertraut sind. Somit hängt es gar nicht so sehr vom Alter eines menschen ab, ob er konkret- oder formal-operational denkt, sondern vielmehr von der Quantität und der Qualität seiner Erfahrungen in einem Wissensgebiet. Piaget (1972) hat aufgrund zahlreicher Befunde, die seinen eigenen früheren Beobachtungen widersprachen, inzwischen zugestanden, dass ein Mensch formal-operationales Denken wahrscheinlich nur in Bereichen zeigt, in denen er hochgradige Interessen entwickelt hat oder in denen er besonders fundierte Kenntnisse besitzt.

Jenseits formal operationalen Denkens

Die dargestellten Vorstellungen Piagets zur Entwicklung des Denkens lassen annehmen, dass viele Erwachsene zur Lösung ihrer alltäglichen Probleme formal-operational denken. das ist aber eindeutig nicht der fall, da die Denkform für Erwachsene in vielen alltäglichen Situationen keinen großen Anpassungswert hat. Auftretende Probleme sind oft an bestimmte konkrete Situationen gebunden. Sie können bei der Beurteilung alltäglicher Ereignisse aufgrund anderer Denkformen zu unterschiedlichen Beurteilungen kommen.

Beispiel 1:

Forscher erzählten Versuchspersonen im Alter zwischen 10 und 40 Jahren folgende Geschichte: „Jan ist als starker Trinker bekannt, vor allem wenn er sich auf Partys befindet. Maria, Jans Frau, hat ihn gewarnt, sie würde ihn verlassen und die Kinder mitnehmen, wenn er noch ein weiteres Mal betrunken nach Hause käme. An diesem Abend bleibt Jan wieder lange weg, weil er mit Geschäftsfreunden an einer Party teilnimmt. Er kehrt betrunken zurück. Wird Maria ihn verlassen?“

Jüngere, formal-operationale Denker gaben eine Antwort an, die sich logisch aus der Erzählung ableiten lässt: Maria wird ihren Mann verlassen, weil dieser genau die Bedingung erfüllt hat, die von ihr als Trennungsgrund benannt worden ist. Ältere Befragte kamen nicht nur auf logischem Wege zu ihrer Antwort, sondern zeigten die postformale Denkform. Ihre Antwort war, dass es keine richtige oder falsche Antwort gibt. Sie sehen in Marias Warnung nicht unbedingt ein Ultimatum, sondern eher eine dringende Bitte. Das Denken vieler Erwachsener ist nicht ausschließlich relativistisch, es stützt sich auch auf Logik und Emotionen. Indem sie bei der Lösung von Alltagsproblemen objektive und subjektive Gesichtspunkte berücksichtigen und miteinander vereinbaren, denken sie oft qualitativ anders als Jugendliche.

Ein weiteres dialektisches Denken beruht auf die Widersprüche in der Welt.

Beispiel 2:

Wir haben die Fähigkeit, Zellen zu klonen und damit die Möglichkeit großer Fortschritte in der Medizin und anderer Bereiche, aber wir fürchten, was aus dieser Technik noch alles werden kann. …Wir können nach Belieben Körperteile ersetzen, aber vermögen aus moralischen Gründen nicht zu entscheiden, wer diese nur begrenzt verfügbaren Teile bekommen soll. …Man mag jegliches Töten verabscheuen. Und dennoch stimmen wir stillschweigend dem feinfühligen Menschen zu, der die lebenserhaltenden Maschinen bei seiner Frau abschaltet, die ohne Aussicht auf Besserung an einer unheilbaren Krankheit leidet.

Erwachsene verlieren nicht die Fähigkeit, formal logisch zu denken, aber sie haben gelernt dialektisch zu denken, um mit den Widersprüchen des Lebens fertig zu werden und der Tatsache, dass es für viele Probleme keine einfache Lösung gibt. Das dialektische denken wirkt sich aber auch so aus, dass erwachsene Denker und Lerner es faszinierend finden, über Mehrdeutigkeit nachzudenken, statt sich mit einer Antwort zufrieden zu geben.

Der Einfluss Piagets auf die Unterrichtsarbeit

Piagets Ausführungen zur Frage, wie der Mensch zu seinem Wissen gelangt, verdienen eine besondere Hervorhebung: Er hat die aktive Rolle des Menschen bei der Konstruktion seines Wissens betont. Da neue Informationen immer nur durch bereits vorhandenes Wissen aufzuarbeiten sind, muss der Lehrer seinen Unterricht auf die Lernvoraussetzungen des Schülers abstimmen, das gelingt aber nur, wenn er den Lernenden ausreichend motiviert.

Ein bedeutsames Prinzip für die Motivierung des Schülers ist das Problem der Passung. Darstellungen mit einem zu hohen Bekanntheitsgrad und einem geringen Schwierigkeitsgrad rufen Langeweile bei Schülern hervor. Informationen, die ihrem Vorwissen in einem sehr hohen Maße widersprechen oder zu schwierig erscheinen, sind ebenso wenig attraktiv. Die vergleichsweise stärkste Motivierung sind also Anregungen mit mittlerem Neuigkeits- und Schwierigkeitsgrad. Das sind solche Anregungen, die dosierte Diskrepanzerlebnisse hervorrufen.

Des Weiteren entsteht nach Piagets Überzeugung Wissen aus aktivem Tun. Dem Lernenden muss die Sammlung konkreter Erfahrungen ermöglicht werden, damit er in der Lage ist, Verständnis für abstraktere Zusammenhänge zu entwickeln. Zum Beispiel besteht die Mathematik aus Aktivitäten und Operationen und das Verständnis lässt sich nur fördern, wenn das Tun im Mittelpunkt des Unterrichts steht. Das Selbsttun stellt demnach eine wichtige Voraussetzung zur Konstruktion von Verständnis dar, doch es besitzt nicht die einzigartige Bedeutung, die Piaget ihm zugeschrieben hat.

Trotz seiner unermüdlichen Arbeit konnte es ihm nicht gelingen, sämtliche Fragen zur kognitiven Entwicklung befriedigend zu beantworten.

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