Bildung und soziale Anerkennung (Soziologie)

Überlegungen zum Wandel sozialer Anerkennungsverhältnisse im Kontext der Produktion und Reproduktion des Akademikerstatus

In der Lebensstilforschung kam durch die entwickelte „Allesfresser-Hypothese“ die Frage auf, inwieweit der Musikgeschmack noch mit der sozialen Zugehörigkeit zusammenhängt. Es wird von einer Auflösung hochkultureller Distinktion (Unterscheidung, Auszeichnung) geschrieben, d.h. dass Menschen mit hohem Sozialstatus nicht mehr nur klassische Musik bevorzugen, sondern fast alle populären Musikstile hören. Sie sind also bezogen auf ihre musikalischen Hörgewohnheiten zu „Allesfressern“ geworden. Die „ernste“ Musikrichtung ist nicht mehr ausschließlich der Musikkonsum der Hochgeistigen, während Angehörige niedriger Statusgruppen sich tendenziell nur für eine, nicht-elitäre Musikrichtung interessieren. Außerdem legen laut den Ergebnissen Menschen aus den oberen Bildungsschichten auch kaum noch Wert auf eine Abgrenzung der „kulturell wertvollen“ klassischen Musik von populäreren und kommerziellen Musikstilen. Man geht sogar davon aus, dass heutzutage gerade die musikalische „Allesfresserei“ ein Merkmal höherer Geschmackskultur sei.
Die These soll verdeutlichen, dass es den hochkulturell-exklusiven Eliten nicht mehr so leicht fällt, sich als „wirklichen“ oder „richtigen“ Akademiker auszuweisen. Es sind insgesamt für akademisch Gebildete die Auswahlkriterien und die Anerkennung eines bestimmten Bildungsgrades für den Zugang zu Elitepositionen schwieriger geworden. Möglicherweise reicht es nicht mehr aus, die richtigen Dinge zu tun, wie in die Oper zu gehen, die Kinder Klavier oder Geige lernen zu lassen, Thomas Mann zu lesen, also im Alltag eine deutliche Orientierung an hochkultureller Bildung erkennen zu lassen, sondern es wird wichtiger, die Dinge richtig zu tun, z. B. mit der „richtigen Haltung“.

Veränderte Reproduktionsformen der Bildungseliten

In einer Untersuchung von 2002 wurde erforscht, welchen Einfluss kulturelles Kapital auf die soziale Positionierung eines Menschen hat. Dabei richtete man sich vor allem auf die kulturellen Freizeitaktivitäten, die Bildungsabschlüsse und welche hochkulturellen Güter, wie Bücher und Musikinstrumente, im Haushalt vorhanden sind. Kulturelles Kapital des Elternhauses zählt demnach zu den „üblichen Verdächtigen“ hochkultureller Orientierung: das Hören klassischer Musik, Bücherlesen, Musizieren und der Besuch von Theater und Oper. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen auf, dass erstens hochkulturelles Kapital weiterhin in besonderem Maße von Generation zu Generation weitergegeben wird und zweitens allein relevant für den Bildungserfolg ist. Die anderen Formen von kulturellem Kapital scheinen im Hinblick auf die Reproduktion der Sozialstruktur von untergeordneter Bedeutung zu sein. Damit kulturelles Kapital zur Grundlage für das Erreichen von Anerkennung werden kann, muss es nicht nur als Ressource verfügbar sein, sondern auch in eine soziale (habitusbezogene) Information transformiert werden. Nur so kann es für die Distinktion wirksam werden.

Aus diesem Grund haben Lamont/Lareau bereits 1988 vorgeschlagen, kulturelles Kapital als ein Repertoire an Signalen zu verstehen, das hohen Status signalisiert und von der Mehrheit der Bevölkerung auch so verstanden wird. Dies öffnet den Blick dafür, dass die Zugehörigkeit zu einer Bildungselite weniger als eine Form des Seins zu verstehen ist, sondern als etwas sozial Hergestelltes durch Anerkennungsprozesse zwischen den Akteuren. Dabei entsteht ein symbolisches Kapital in Form von Reputation, also dem Ruf eines Individuums in einer Gesellschaft. Im Rahmen des gesellschaftlichen „Kampfes um Anerkennung“ birgt Reputation allerdings Gefährdungen, denn die Wertigkeit des Rufes muss ständig neu ausgehandelt werden, um Anerkennungserwartungen durchzusetzen und Reputationsverluste zu vermeiden.

Jeder, der für sich Anerkennung als Gebildeter in Anspruch nimmt, stellt damit eine Verbindung zu anderen Gebildeten her. Der Anspruch kann zwar erhoben werden, aber die Gruppe der Gebildeten akzeptiert oder weist diesen Anspruch zurück. Den „wirklich“ Gebildeten macht also die Akzeptanz der anderen aus. Elite ist demnach nie losgelöst von Akteuren, die sie repräsentieren und von jenen, die Anderen eine Zugehörigkeit zu ihr zuschreiben. Dass diese nur zugeschrieben und nicht für die eigene Person in Anspruch genommen oder eingefordert werden kann, verdeutlicht das folgende Zitat:
„Man ist ein guter Historiker nicht, weil man ein guter Historiker ist, sondern weil die anderen sagen, dass man ein guter Historiker ist. Wenn ich mich selber hinstelle und sage, ich bin ein guter Historiker, lachen alle anderen guten Historiker. Wenn ein anderer guter Historiker sagt, der Charlie P. ist ein guter Historiker, dann nicken alle anderen guten Historiker, zumindest wenn sie aus dessen Schule stammen.“

Dieses Zitat zeigt, dass die für sich selbst in Anspruch genommene Forderung, zur kulturellen Elite unter den Akademikern zählen zu wollen bereits Ausweis für eine Nichtzugehörigkeit sein kann. Nur die Anderen können jemandem den Status des „wirklich Gebildeten“ zuschreiben. Man ist demnach nicht „wirklich gebildet“, weil man „wirklich gebildet“ sein möchte, sondern weil man „wirklich gebildet“ ist. Nur auf diesem Weg funktioniert soziale Distinktion.

Spätestens seit der Bildungsexpansion hat im Akademikermilieu die innere Heterogenität stark zugenommen. Wer als Herausgehobener im Kreise der Bildungseliten anerkannt werden will, muss in Bildung zunehmend strategisch investieren, um als wirklich Gebildeter soziale Anerkennung zu erlangen. Da man sich in Deutschland für gesellschaftliche Spitzenpositionen entsprechende Habitusmerkmale, wie Souveränität beim Auftreten, Selbstsicherheit, Gelassenheit und Vertrautheit mit den Verhältnissen, in der Regel nicht ausschließlich in den höheren Schulen und Universitäten aneignen kann, vermutet man, dass die Herkunftsfamilie sehr wesentlich dazu beiträgt und beitragen muss, damit die nachwachsende Generation später im Kreis von Akademikern zeigen kann, dass sie ganz selbstverständlich dazu gehört und dass sie die gleiche Wellenlänge hat, um anerkannt und akzeptiert zu werden.

Außerdem kommt Herkunftsfamilien bei der Aneignung geeigneter Verhaltens- und Umgangsnormen eine große Bedeutung zu, da sie familialer Bildungsprozesse bereits vor Eintritt in akademische Bildungsinstitutionen entspringen und im späteren Leben nur noch schwer korrigiert werden können. Ein späterer Erwerb lässt fast immer die nicht mehr selbstverständliche, sondern eher angestrengte Form des Erwerbs erkennen, was denjenigen in den Augen anderer disqualifiziert. Dieser Nachweis von kulturellem Kapital hat also an Bedeutung gewonnen. Die Familie gerät als Ort der sozialen Reproduktion in den Blick. Nach Bourdieu verstehen wir die bildungsbezogenen Reproduktionsstrategien als Praktiken, mit deren Hilfe die Individuen und Familien unbewusst sowie bewusst ihren Besitzstand und ihre Stellung innerhalb der Klassenverhältnisse zu erhalten oder zu verbessern suchen. Dies macht deutlich, dass sich die familialen Bildungsstrategien nicht nur auf den schulischen Bildungserfolg der nachfolgenden Generation richten, sondern sich in umfassender Weise angestrengt wird, um ihre Partizipationschancen am kulturellen und gesellschaftlichen Leben erhalten bzw. erhöht werden.

Die Bedeutung des familialen Miteinanders bei der Produktion und Reproduktion des Akademikerhabitus

Die Bildungsbedeutsamkeit einer Familie ergibt sich aus den erbrachten Investitionsleistungen in lebenslange Bildung als Voraussetzung für kulturelle Teilhabe und die Herstellung und Erhaltung von sozialer Anschlussfähigkeit für alle Mitglieder einer Familie. Bildungsstrategien einer Familie sind nicht direkt beobachtbar, sondern müssen aus den aktuellen und vergangenen Bildungsprozessen und deren Anerkennung abgeleitet werden. Zentraler Bestandteil ist zudem die zugrunde liegende Überzeugung, per quasi-natürlicher Bestimmung der Bildungselite anzugehören. Wenn z. B. der Großvater auf die Frage nach den Freizeitbeschäftigungen der Familie antwortet: „Und dann spielen wir natürlich alle ein Instrument“, dann drückt sich damit die Selbstverständlichkeit des Spielens eines Instrumentes aus.

Die Beherrschung eines Instrumentes wird zu einem quasi-natürlichen Bestandteil der kulturellen Distinktion dieser Familie. Auch die Antwort des Enkels, der schon mit 2 oder 3 Jahren Geige spielen wollte, wird verständlich, denn der distinktive Gewinn ist dem Enkel bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, dass das Erlernen der Geige zu einer quasi-natürlichen Bestimmung geworden ist. Die kulturellen Unterschiede werden also von Kindesbeinen an als selbstverständlich anerkannt und erworben. Zudem wird von der Mutter und auch vom Enkel selbst der musikalische Erfolg nicht den enormen Anstrengungen zugeschrieben. Obwohl das Geigespielen einen Großteil seiner Freizeit einnimmt, werden diese Mühen eher negiert, wenn er sagt: „Klar muss ich auch üben, aber das ist der kleinere Part.“ Nicht die Mühen und Anstrengungen sind Grundlage seines Erfolgs, sondern sein Talent in Form eines naturhaften Seins, einer Anlage, die ihn wesensmäßig von den anderen unterscheidet.

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