Nicht zufallsgesteuerte und zufallsgesteuerte Auswahlverfahren – empirische Wissenschaft

Inhalt:
1. Grundbegriffe
2. Vorteile einer Stichprobe gegenüber einer Vollerhebung
3. Nicht zufallsgesteuerte Auswahlverfahren
4. Zufallsgesteuerte Auswahlverfahren
5. Quellenangaben

1. Grundbegriffe

Grundgesamtheit:
– Die Definition einer Menge von Objekten, für die die Aussagen der Untersuchung gelten sollen („target population“)
– Eine exakte Definition der Grundgesamtheit präzisiert nicht nur die Theorie, sondern ist zur Durchführung wissenschaftlicher Untersuchungen unerlässlich
– Aussagen einer Untersuchung gelten nur für Objekte der Grundgesamtheit: gehören bestimmte Elemente nicht zur Grundgesamtheit, kann über diese Objekte keine Aussage gemacht werden
Beispiel: alle Personen über 18 mit festem Wohnsitz in Rheinland-Pfalz

Vollerhebung: sämtliche Elemente der Grundgesamtheit werden untersucht

Teilerhebung: nur eine Teilmenge der Grundgesamt wird untersucht

2. Vorteile einer Stichprobe gegenüber einer Vollerhebung

– Die Kosten einer Untersuchung sind wesentlich günstiger
– Die Grundgesamtheit ist eventuell zu groß, um sie zu erfassen
– Die Ergebnisse von Stichproben liegen wesentlich schneller vor
– Die Qualität der Stichprobenergebnisse ist meist besser, da für die Befragung bzw. Untersuchung geschultes Personal bereitgestellt werden kann, während bei – Vollerhebungen oft Fehler bei der Datenerfassung unterlaufen

3. nicht zufallsgesteuerte Auswahlverfahren

willkürliche Auswahl (Auswahl aufs Geratewohl):
– Es entscheidet kein kontrollierter Zufallsprozess, ob ein Element der Grundgesamtheit in die Stichprobe kommt, sondern die Willkür des Forschers => keine sinnvoll definierte Grundgesamtheit
– Der Forscher greift sich nach Belieben Personen oder Ereignisse heraus, die er befragt
– Willkürliche Auswahlen sind für statistisch-kontrollierte wissenschaftliche Aussagen wertlos
Beispiel: Passantenbefragungen

bewusste Auswahl (gezielte Auswahl; Auswahl nach Gutdünken):
– Auswahl der Elemente erfolgt nach gewissen Regeln und Kriterien, die dem Forscher als Sinnvoll erscheinen
– Auswahl eines Elementes aus der Grundgesamtheit hängt vom Zutreffen vorher festgelegter und intersubjektiv nachvollziehbarer Kriterien
Beispiel: Meinungsumfragen

Auswahl nach dem Konzentrationsprinzip:
– Erhebung eines Elementes beschränkt sich auf Fälle, die für den Untersuchungsgegenstand besonders „ins Gewicht“ fallen
– Die zu untersuchenden Merkmale sind so stark ausgeprägt, dass sie den größten Teil der Grundgesamtheit darstellen
– Unwesentliche Einheiten werden bei der Auswahl gar nicht berücksichtigt, sie werden ausgegrenzt, weshalb es auch ,,cut-off-Verfahren“ genannt wird
– vorab sind Informationen über die Auswahleinheiten notwendig

Beispiel: Man untersucht nur die Unternehmen eines gewissen Wirtschaftsfaktors mit dem größten Umsatz

Auswahl typischer Fälle

– Es werden nur Elemente erhoben, die für die Grundgesamtheit als besonders charakteristisch angesehen werden
– wenn die Untersuchungseinheiten in Bezug auf bestimmte Merkmale ,,typisch“ sind für eine größere Gesamtheit von Fällen, dann sind deren Reaktionen und Antworten auch repräsentativ für diese Gesamtheit
– Um ein Kriterium als ,,typisch“ einzustufen, muss man allerdings Vorkenntnisse über die Struktur der Grundgesamtheit besitzen
– großes Problem bei diesem Verfahren ist aber das Fehlen von objektiven Auswahlkriterien, nach denen entschieden wird welche Einheit als ,,typisch“ gewertet werden kann

Quotenauswahl

– Bei Quotenauswahlen werden die Personenstichproben so konstruiert, dass die Verteilung bestimmter Merkmale in der Stichprobe auch der Verteilung dieser Merkmale in der Grundgesamtheit exakt entspricht
-Voraussetzung für die Anwendung einer Quotenauswahl sind fundierte Kenntnisse über die Verteilung der Merkmale in der Grundgesamtheit, die man einer amtlichen Statistik oder einer anderen Vollerhebung entnehmen können muss
– Man versucht durch die genaue Vorgabe von Quoten, die prozentual in ihren Anteilen der Grundgesamtheit entsprechen ein genaues Abbild der Grundgesamtheit zu bekommen

„Schneeball-Verfahren“

– Bei diesem Verfahren lässt sich der Interviewer von einem Befragten nach Abschluss des Interviews eine (oder mehrere) weitere potentielle Testpersonen mit denselben, für die Untersuchung relevanten Merkmalen nennen
– Vorteil dieses Verfahrens ist die durch die Senkung der Zahl der Ausfälle (Leerinterviews) erreichte Kostensenkung
– gravierender Nachteil ist die Verzerrung der Repräsentanz

4. Zufallsgesteuerte Auswahlverfahren

Einfache Wahrscheinlichkeitsauswahl (Auswahl erfolgt direkt in einem einstufigen Auswahlvorgang)
Erstellung einfacher Zufallsauswahlen: Liste wird aus sämtlichen Elementen der Grundgesamtheit durch 2 Verfahren erfasst

Karteiauswahl:
– Auswahl aus bestehenden Listen (Telefonbuch)
– 2 Möglichkeiten zur weiteren Auswahl
– reine Zufallsauswahl: Lotterieauswahl (Monte Carlo-Verfahren): Elemente der Grundgesamtheit wird aus einer Lostrommel gezogen
– systematische Zufallsauswahl: 1. Element wird zufällig ausgewählt, weitere folgen systematisch, z.B. im Telefonbuch jeder 50
Es besteht die Gefahr einer systematischen Verzerrung, wenn die Kartei systematisch organisiert ist z.B. nach Anfangsbuchstaben von Familiennamen

Gebietsauswahl (Flächenstichprobe):

– wird verwendet, wenn Karteiauswahl nicht möglich ist (Bsp.: Gebiet in dem viele Ausländer wohnen, die sich nicht angemeldet haben, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung haben oder sich bei der Rückkehr in das Heimatland nicht abgemeldet haben)
– man benötigt definierte und abgegrenzte Gebiete
– Planquadrate eines Stadtplans werden mittels reiner- oder systematischer Zufallsauswahl Ausgewählt

Schwedenschlüssel:

wird innerhalb eines Haushaltes verwendet Bsp.: Haushalt mit 4 Personen: es wird die älteste bzw. die jüngste Person ausgewählt( muss vorher festgelegt werden ob 1= alt oder 1= jung)

Vor- und Nachteile der einfachen Auswahlverfahren:

Vorteile:
– liefert statistisch repräsentative Werte
– keine Informationen über die Merkmale der Grundgesamtheit notwendig

Nachteile:
– Aktualität der Kartei
– Stichprobenausfälle wenn keine Angaben gemacht werden (Telefonumfragen)

Komplexe Wahrscheinlichkeitsauswahl

geschichtete Auswahl: dient dazu Fehler einer Stichprobe zu verringern
– Bsp.: Bestimmung des Durchschnittseinkommens eines Landes
– mögl. Fehler bei Zufallsauswahl: Großverdiener unter- oder überrepräsentiert
– Voraussetzung der Schichtung:
– Vorwissen über Merkmalsverteilung, hier: Schichtung in 3 Einkommensklassen : „niedrig“, „mittel“ und „hoch“
– Elemente der Grundgesamtheit (Verdiener) muss die Schichtzugehörigkeit bekannt sein
– einfache Zufallsauswahl aus den Schichten
– wenn Stichproben den Anteilen der Schichten in der Grundgesamtheit entsprechen ist es proportional geschichtet
– wenn die Stichproben abweichen ist es disproportional geschichtet
– mehrstufige Auswahl: der Auswahlprozess durchläuft mehrere „Stufen“; verschiedene Formen der Zufallsauswahl werden nacheinander kombiniert.
Bsp.: Gebietsauswahl (einfache Zufallsauswahl) -> einzelne Haushalte (reine Zufallsauswahl) -> Schwedenschlüssel
– Klumpen-Auswahl (Cluster sampling): Spezielles mehrstufiges Auswahlverfahren mit 2 Stufen:
– Auswahl der Klumpen (Cluster) durch Lotterieverfahren, Bsp.: Aus einer Einheit, alle Gymnasialklassen einer Stadt, sollen 15 durch das Lotterieverfahren ausgewählt werden
– Erhebung wird aus diesen 15 Klassen durchgeführt
– Vorteilhaft, wenn sich Grundgesamtheit in einfach zu unterscheidende „natürliche“ Klumpen zerlegen lässt

Quellenangaben:

Kromrey, Helmut 1994: Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung. Opladen (S.189-225)
Rainer Schnell/ Paul B. Hill/ Elke Esser 1989:Methoden der empirischen Sozialforschung. München (S.265-282 u. S.295-300)
Winfried Stier 1999: Empirische Forschungsmethoden. St. Gallen
Diekmann, A(2003): Empirische Sozialforschung, Grundlagen, Methoden, Anwendung. Reinbek. (S.324-335)
Einkommensverteilung, http://www.schule-studium.de/Sozialkunde/Schaubilder/Wirtschaft/Einkommensverteilung_Deutschland.jpg (19.11.08)

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