Liverpool Hafen – Erneuerung innerstädtischer Hafengebiete

In der nordenglischen Stadt Liverpool wurde bereits 1715 mit dem Bau des Dockhafens begonnen, welcher im 19. Jahrhundert der zweitwichtigste Hafen des britischen Kolonalreichs wurde. Mit dem Ende der großbritannischen Kolonialherrschaft endete jedoch auch die Vormachtstellung des Liverpooler Hafens und es begann der Niedergang des Hafens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anfang 1981 wurde er zum Standort der ersten Urban Development Corporation (UDC), der Merseyside Development Corporation (MDC). Durch den Niedergang der Hafenfunktion verzeichnete die Mersey Docks and Harbour Company Anfang der 1980er Jahre starke Verluste, für die in diesem Fall der Staat einmalig aufkam. Da diese jedoch fortlaufend nicht ausreichend waren und die Defizite von der Hafengesellschaft nicht ausgeglichen werden konnten, war sie auf weitere finanzielle Unterstützung angewiesen. 1988 wurde dann im Zuge der beginnenden Stadterneuerung das Gebiet der MDC von 350 auf 959 Hektar erweitert (vgl. NEUMANN 1997, S. 128).

Liverpool Hafen - Erneuerung innerstädtischer Hafengebiete

Liverpool Hafen - Erneuerung innerstädtischer Hafengebiete - Rolf Handke / pixelio.de

Der Niedergang des Hafens hatte massive Auswirkungen auf die Beschäftigungsstruktur des gesamten innerstädtischen Bereichs. Es wurden sowohl der verarbeitende- , als auch der Dienstleistungssektor gleichermaßen getroffen. Ende der 1960er Jahre verzeichnete Liverpool mit 35%, in einer Zeitspanne von fünf Jahren, den stärksten Rückgang an Anzahl der Arbeitsplätze aller britischen Großstädte. „Der Rückgang an Arbeitsplätzen in traditionellen Dienstleistungszweigen wie Transport und Handel konnte nicht durch ein entsprechendes Wachstum in „modernen“ Branchen wie Finanz- und Versicherungswesen ausgeglichen werden.“ (NEUMANN 1997, S.128) Des weiteren wirkte sich die Deindustrialisierung verstärkend auf diesen Prozess aus, da zwischen 1961 und 1987 64% der Arbeitsplätze des sekundären Sektors im Innenstadtbereich verloren gingen. Während, wie im späteren Fallbeispiel beschrieben, der Hafen in Manchester für ein bereits bestehendes Industriezentrum angelegt wurde, basierte die industrielle Entwicklung Liverpools eben nur auf der Hafenfunktion. 1972 wurden so in Liverpool die südlich der Innenstadt gelegen South Docks bereits geschlossen, da sich die Hafenfunktion bereits in flussabwärts gelegene Dockbereiche verlagert hatte. Im selben Jahr wurde für die South Docks ein Erneuerungskonzept erarbeitet. Die Stadt wollte diese Sanierungspläne nur über den Grunderwerb des Hafengebietes durchsetzen. Dieser Plan schlug allerdings fehl, da aufgrund der zu hohen Sanierungskosten kein privater Investor den regulären Grundstückspreis zahlen wollte. Da auch die Regierung keine Mittel bereitstellte, wurden die Maßnahmen nicht durchgeführt. Auch die Pläne, die Fachhochschule in die nördlich der South Docks gelegenen Albert Docks umzusiedeln, scheiterten an fehlenden finanziellen Mitteln der Stadt und ebenfalls fehlender staatlicher Unterstützung. Der wirkliche Beginn der Sanierungsmaßnahmen begann Anfang der 1980er Jahre, als das Grundeigentum der South Docks in den Besitz der MDC überging. Erst dadurch wurden staatliche Finanzmittel für die Sanierung verfügbar (vgl. NEUMANN 1997, S.129). Die Aktivitäten der MDC, von deren Gebiet 1981 80% brach lag, konzentrierten sich zu Beginn auf physisch-bauliche Sanierungsmaßnahmen. Dadurch sollte das Image der Waterfront aufgewertet und neue Infrastruktur bereit und private Neubautätigkeit angeregt werden. Außerdem wurde bereits Wert darauf gelegt, im Zuge des aufstrebenden Städtetourismus, eine Hervorhebung der touristischen Qualitäten der Waterfront zu gewährleisten. Dazu wurde 1984 eine internationale Gartenschau südlich der South Docks veranstaltet. Diese wertete das Image der Stadt auf, auch wenn sie finanziell gesehen eher einen Verlust bedeutete. Ein Teil des Gartenschaugeländes wurde danach zu Eigentumswohnungen und Einfamilienhäusern umgebaut, womit die soziale Polarisierung im innerstädtischen Bereich Liverpools verstärkt wurde, dadurch, dass dieses neu entwickelte Gebiet durch einen mehrere Meter hohen Zaun vom Stadtteil Toxteth abgetrennt wurde und dadurch eine soziale Mischung der neu angesiedelten statushöheren Bevölkerungsgruppen mit der ansässigen, statusniedrigeren nicht stattfinden kann. Der Stadtteil Toxteth ist gekennzeichnet durch eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit und eine Dauerarbeitslosigkeit der älteren Einwohner. Insgesamt fanden die Lebensumstände der Innenstadtbewohner im Zuge der Sanierungsmaßnahmen kaum Beachtung. Auch bei der Einrichtung eines Gewerbeparks in den South Docks sind kaum neue Arbeitsplätze entstanden.

Das wichtigste Projekt im Zuge der Revitalisierung des Liverpooler Hafenareals war die Renovierung der Speichergebäude des Albert Docks. Die Gebäude der Albert Docks standen unter Denkmalschutz, mussten also erhalten werden. Der Ausstellungsbereich eines seit Anfang der 1980er Jahre in einem Nachbargebäude angesiedelten Schifffahrtsmuseums sollte zunächst auf die Albert Docks ausgeweitet werden. So wurde auf der insgesamt 130000m² großen Fläche ein Einkaufs-, Büro- und Ausstellungszentrum geschaffen, dass sich zu einer wichtigen Touristenattraktion Großbritanniens entwickelte. Für die weitere touristische Nutzung wurden die Hafenspeicher in den 1980er Jahren in einen postmodernen Gebäudekomplex umgewandelt, in dem regelmäßig Großveranstaltungen stattfinden sollen. In den Albert Docks siedelte sich außerdem die Nachrichtenagentur der regionalen Fernsehgesellschaft ein; es wurde ein Beatles-Museum eingerichtet, sowie eine Zweigstelle einer aus London bekannten Galerie. Neben diesen Attraktionen waren 1991 zusätzlich 76 Einzelhandels-, Café- und Restauranteinheiten, sowie 18 neue Bürobetriebe ansässig. Wichtigster Ansiedlungsgrund in den Albert Docks war das Prestige der Waterfront (vgl. NEUMANN 1997, S.129)

Die nördlich des Fähranlegers gelegenen Hafenbereiche, die nicht zum ursprünglichen Sanierungsgebiet gehörten, wurden später ebenfalls stillgelegt und saniert. Es entstanden Apartment-Komplexe und Wohnraum, der zwar günstiger zu erwerben war als der in Albert Docks, aber dennoch für örtliche Verhältnisse sehr hoch lag. Die soziale Polarisierung verstärkte sich auch hier erneut. Im Zuge weiterer Revitalisierungsmaßnahmen wurden drei Schornsteine ehemaliger Kraftwerke abgerissen, da sie nicht mit dem neuen Image vereinbar schienen. Auch der Einsatz eines Lokalpolitikers für die Ansiedlung eines Kohlekraftwerkes zur Schaffung neuer Arbeitsplätze für die ansässige Bevölkerung scheiterte.

„Die „Maximierungsstrategie“ der Sanierungsakteure führte dazu, daß sich auch im Uferbereich Liverpools eine „Wachstumsenklave“ entwickelt, die zur vorhandenen Wirtschaftsstruktur des Hafengebietes keine Bezug aufweist. Die Tertiärisierung der „Waterfront“ wird durch diese imageorientierte Sanierungsstrategie unterstützt.[…] Obwohl an der Liverpool Waterfront keine Ansiedlungsanreize nach der Unternehmens-Zonen-Methode gewährt wurden, entspricht die Sanierungsstrategie hier dem Konzept der „defensiven Strukturanpassung mit sozialer Polarisierung“. (NEUMANN 1997, S.131)

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