Tadao Ando – Merkmale seiner Architektur

Die Architektur des 1941 in Osaka geborenen Architekten Tadao Andos wird nicht ohne Grund auch als „Grundstückskunst“ bezeichnet. Denn bei Ando spielt die Umwelt, die Natur und die Landschaft eine entscheidende Rolle. Besonders die Hanglage und das Versenken der Gebäude in der Erde, so auch beim Haus Koshino in Kobe (Japan), bringen dies zum Ausdruck.

Es wäre undenkbar, dass Ando eine Fläche rodet und „platt macht“, um danach bauen zu können; vielmehr betrachtet der Architekt sich ein Grundstück und „puzzelt“ das Gebäude sozusagen im Nachhinein in die Landschaft. Dabei hebt er das Schützen der Natur hervor, weshalb so wenig Bäume wie möglich entfernt werden dürfen und die Landschaft wenn möglich nicht verändert wird.

Haus Koshino

Haus Koshino des Architekten Tadao Ando

Den Anfang Andos Karriere kann man mit dem Bau seines „Haus Azuma“ (1975 in Osaka) setzen, mit dem er unter anderem durch provozierende Merkmale für extremes Aufsehen sorgte. Dieser lang gezogene Quaderbau, der sich in drei Teile gliedern lässt, steht inmitten eines belebten Viertels in Osaka und sticht durch seinen ebenfalls schmucklosen Eingang und die hohe Betonfassade aus den anderen Häusern hervor.

Dieser „Prototyp“ Andos Bauten vereint bereits mehrere Merkmale, die auch im weiteren Verlauf seiner Karriere immer wieder auftauchen. Die zwei Gebäudeteile sind mit einem Gang in der ersten Etage verbunden, der über einem, nur dem Himmel geöffneten, Innenhof liegt. Somit muss man, wenn man vom Schlafzimmer in das Badezimmer des anderen Gebäudes möchte, das Innere des Hauses, die „geschützte Höhle“ verlassen, um über den gang im Freien die andere Seite zu erreichen. Wer nach oben möchte, muss sogar erst die steinerne Treppe hinauf und dann womöglich wieder über den Steg zur anderen Seite.

Auf diese Weise zwingt Ando den Bewohner dazu, mit dem Rhythmus der Natur zu leben, denn wenn es regnet, muss man trotz allem ins Freie, wenn man die Gebäudeteile wechseln will. Obwohl man in diesem Gefängnishof ähnlichen Mittelbereich zwar dem regen, der Sonne und dem Wind ausgesetzt ist, befindet man sich trotzdem abseits des chaotischen Alltags und der Umwelt; man holt sich die auf existenzielle Aspekte reduzierte Natur in das Haus und kann sie deshalb umso bewusster wahrnehmen und vielleicht auch genießen.

Da man in Japan die Natur eher minimalisiert auf die drei Gattungen Regen, Licht und Wind, spielt Ando hierauf an und stellt damit Bezug zur traditionellen japanischen Lebensweise und Einstellung her. Ein weiteres Symbol hierfür sind die Tatamimatten, welche als Liegematten für die Japaner dienen. Ando benutzt dieses Maß für die Schalbretter seiner Betonwände und versieht sie mit sechs Löchern. Auch bei der Zahl 6 hat Ando sich Gedanken gemacht, denn wo typische vier Löcher bei anderen Betonmauern als „normal“ gelten, wäre dies für die Japaner ungeschickt, da mit der Zahl 4 in Japan der Teufel in Verbindung gebracht wird.

Auch beispielsweise die Wege beim von Ando realisierten „Vitra Konzeptpavillon“ in Weil am Rhein, die in spitzwinkligen Abschnitten zum Haus führen, haben eine traditionelle Bedeutung. Sie sollen Geister, die dem Glauben zufolge nur geradeaus gehen, davon abhalten dem Besucher zu folgen und somit in das Innere des Gebäudes zu gelangen.
Trotz der traditionell aufgeladenen Merkmale drücken Andos Bauten auch die Schlichtheit der Moderne aus, eine Kombination, mit welcher der Architekt versucht, die Perfektion zu erreichen. Ando geht dabei jedoch nicht wie vielleicht zu erwarten streng mathematisch vor, sondern erzeugt aufgrund der Harmonie mit der Natur und des gleichzeitig geometrische genau durchdachten Konzeptes einen perfektionellen Effekt.

Tadao Ando

Tadao Ando

Wie viele andere Künstler macht auch Ando eine Entwicklung durch und lässt auf das Haus Azuma das Haus Koshino folgen. Wo man im Haus Azuma und im „Vitra Konferenzgebäude“ nur im „Gefängnisinnenhof“ die Natur zu sehen und spüren bekommt, bzw. nur dem Himmel ausgesetzt ist, hat man im Haus Koshino auch die Chance durch die Fenster ins Freie zu blicken. Jedoch dienen diese hier in erster Linie dazu, ein Höchstmaß an Licht einzufangen, die Aussicht wird absichtlich begrenzt. Diese Fenster reißen im Prinzip die Quaderform auf, die Andi beim Haus Azuma so wichtig war und schaffen neue Aspekte. Trotz allem holt Ando die Natur in das Haus, denn obwohl man im Haus Koshino nicht mehr gezwungen ist das Haus zu verlassen, um die Gebäude zu wechseln, schafft er mit Hilfe des Lichts einen ständigen Atmosphärenwechsel im Hausinneren. Die Wände machen täglich einen Kreislauf mit, Ando vergleicht dies mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Einmal ist der Raum von Sonne erhellt, einmal ist er dunkel und wirkt aufgrund des Regens trist und kalt. Gerade diese Natürlichkeit allerdings und die Absonderung von der Umwelt, indem das Gebäude sich unterhalb des Straßenniveaus befindet, ermöglichen dem Besucher/ Bewohner ein Finden zu sich selbst, ein zur Ruhe kommen.

Das Thema des „Kreislaufs“ ist für Ando auch von großer Bedeutung, da die Zen-Mönche in den so genannten „Endo-Kreisen“ für welche sie sich stundenlang konzentrierten, Schlichtheit, Perfektion und Meditation vereinten. Stilmittel, die definitiv in den Gebäuden Andos wieder zu finden sind.

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