Louise Bourgeois „Labyrinthine Tower“ – Werketrachtung und Interpretation

Bei Betrachtung des Werkes „Labyrinthine Tower“, welches Louise Bourgeois 1962 schuf, entsteht ein erster Eindruck von Instabilität, Unsicherheit, aber auch Anstrengung, bzw. Hoffnung. Die Künstlerin schuf diese Gips-Plastik im additiven Verfahren. Vermutlich wurden mehrere einzelne Gipsscheiben hergestellt und dann aufeinander gestapelt und miteinander verbunden.

So erinnert das Werk an einen aufgeschnittenen Baumkuchen, der in die Höhe wächst und versucht Stabilität beizubehalten. Die Scheiben werden nach oben hin kleiner und verwachsen sich in einen knaufförmigen Abschluss. Die Skulptur wirkt als wäre sie glattgeschliffen worden und ihre Eigenfarbigkeit, also der beigefarbene Gips, durch Auftragen von Pattina ergänzt, sodass sie wie ein ausgegrabenes, uraltes Relikt wirkt.

Louise Bourgeois - Labyrinthine Tower

Louise Bourgeois – Labyrinthine Tower

Louise Bourgeois verlieh der Figur durch geometrische Formen zwar eine gewisse Blockhaftigkeit, verband diese jedoch durch den Knauf mit organischen Formen. Einen expliziten Sockel besitzt der „Labyrinthine Tower“ nicht, vielmehr scheint er „in sich selbst zu ruhen“. Durch die dadurch entstehende kleine Standfläche wirkt der Turm, wie bereits erwähnt, ein wenig instabil, allerdings erzeugt er den Eindruck, als wolle er die Balance halten und weiter gen Himmel wachsen.

Genau hier kann man auch mit dem inhaltlichen Aspekt des Werkes ansetzen. Der Turm erinnert stark an die Geschichte des Turmbaus zu Babel, bei dem die Menschen versuchten einen riesigen Turm zu bauen, um so nah wie möglich an Gott heranzukommen, woraufhin dieser die Menschen angeblich bestrafte, indem er ihnen die verschiedenen Sprachen auferlegte, sodass sie sich nicht mehr verständigen konnten. Louise Bourgeois setzt eventuell hier an, denn auch ihr Werk entwickelt eine gewisse Vielsprachigkeit.

Es artikuliert sich weniger in der Weltsprache „Abstraktion“, die vor den 60er Jahren üblich war, vielmehr wird eine neue Art von Skulptur geschaffen, denn sie erzählt eine oder mehrere Geschichten.

Eine weitere Neuerung L.B’s war, dass der Turm komplett aus Gips geschaffen wurde und nicht aus den bislang üblichen Materialien Marmor, Holz oder Bronze, weshalb das Publikum bei der Erstausstellung des Werkes in der New Yorker Stable Gallery ordentlich zu stutzen hatte und Stoff zum Diskutieren und Kritisieren vorhanden war. Mit der Verwendung des Materials Gips, welches bislang nur zu Übungszwecken gegolten hatte, stellte Bourgeois auch den allgemeinen Kunstbegriff in Frage. Das Material an sich hat keinen richtigen Wert, vielmehr zählt hier der Schaffensprozess, der wie eine Art Religionsausübung stattfindet. Hierbei können Probleme verarbeitet, Gefühle ausgedrückt und Ängste und Aggressionen ausgelebt werden.

Zwei weitere Probleme plagten die Besucher des Galerie in New York. Eines war der sexuelle Aspekt, der im „Labyrinthine Tower“ vorhanden ist, da der Turm an das Phallische erinnert. Da L.B. eine schwere Kindheit mit einem despotischen Vater, der mit seinen Mätressen schlief, und einer unterdrückten Mutter hatte, entwickelte sie schon sehr früh eine starke Ausdruckskraft dieser Probleme in ihren Werken.

So verbindet L.B. mit ihrem Turm vielleicht sogar das Weibliche und das Männliche, der Mann, hier als Phallus dargestellt, steht an der Spitze des Turms, die Frau unterdrückend, während diese zwar „zusammengedrückt“ wird und instabil wirkt und trotz allem versucht das Gleichgewicht zu halten und mit aller Kraft stabil und aufrecht zu bleiben versucht.

Der letzte neuartige Punkt war, dass die Skulptur dazu einlädt, angefasst und bewegt, ja sogar verschoben und mitgenommen zu werden. Besonders der Knauf scheint als Griff zu dienen, an welcher das Objekt gefasst und weggetragen werden kann. Hinzu kommt das Fehlen eines Sockels, welches diese „Bewegungs- und Veränderungsfreiheit“ unterstützt.

Zum Abschluss kann man sagen, dass der erste Eindruck bestätigt wird, man sich jedoch länger und intensiver mit der Skulptur und Louise Bourgeois Schaffensphasen befassen muss, um alle Aspekte erkennen und verstehen zu können.

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