Industrielle Entwicklung in Kaiserslautern

Kaiserslautern ist eine Industrie- und Universitätsstadt am nordwestlichen Rand des Pfälzerwaldes im Süden des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Deren neuere Geschichte ist zum großen Teil die Geschichte ihrer Industrie und aktuell die der Forschung- und Entwicklung. In den nächsten Kapiteln bis 2.5 erfolgt eine konkrete Gliederung der Industriegeschichte ab 1815 bis zur heutigen Zeit.

Die Anfänge der Fabrikindustrie

Nach der französischen Besetzungsherrschaft, die 1815 endete, wurde die Pfalz am 1. Mai 1816 wieder in das Königreich Bayern aufgenommen, womit ein neuer Abschnitt im Wirtschaftsleben der Stadt Kaiserslautern begann. In dieser Zeit bis etwa 1848 entwickelte sich die Industrie nur sehr langsam und behäbig. Eine konstante Industrieansiedlung war noch nicht zu erkennen, sodass sich viele Unternehmen zwar vor Ort niederließen, aber nicht gerade durch eine lange Aufenthaltsdauer auf sich aufmerksam machten. Die neu entstandene Regierung begann trotzdem mit der schnellen Wiederbelebung des Verkehrs und veranlasste den sofortigen Ausbau des Straßennetzes, sowie die von Franzosen übernommene Brief- und Personenpost zu verbessern. Dessen ungeachtet versprachen die ersten Jahre nach den Befreiungskriegen alles andere als eine günstige Basis für die wirtschaftliche Entfaltung in den mit starken Schulden belasteten Gemeinden rund um Kaiserslautern (vgl. Munzinger 1921, S. 26f.).

Beginnend mit dem Deutschen Zoll- und Handelsverein im Jahre 1834, schuf dieser enorme Abhilfe und war gerade für die Pfalz von enormer Bedeutung für die großartige Entwicklung des industriellen Wirtschaftslebens im 19. Jahrhundert. Auf Initiative Preußens schlossen sich die meisten Staaten zum Deutschen Zollverein zusammen, dem in der Folge immer mehr Staaten beitraten. Der Zollverein ermöglichte einen Wegfall der Binnenzölle, zollfreien Warenverkehr zwischen den Staaten, gemeinsame Schmuggelabwehr, gleiches Zollrecht nach preußischem Vorbild und nicht zuletzt die schrittweise Schaffung eines einheitlichen Münz-, Maß- und Gewichtssystems (vgl. Zoll 2011, o. S.).

Gleichzeitig startete mit der Epoche des Kapitalismus, die Gewerbefreiheit (also die Freiheit für jedermann, einer wirtschaftlichen Betätigung an jedem Ort zu jeder Zeit im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen nachgehen zu können (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2011a, o. S.)), die Freiheit des Arbeitsvertrages, die Arbeitsteilung, das freie Vereinsrecht, eine leichtere Bildung von Erwerbsgesellschaften, Neuerungen auf dem Gebiet des Kreditwesens, darüber hinaus gab es starke Fortschritte im Bereich der Technik. Die ebenso bahnbrechende Erfindung der Dampfmaschine ermöglichte die Erweiterung eines modernen Fabrikbetriebes, an Stelle von Tier- und Menschenkraft traten nunmehr Maschinen. Holz wurde durch die Kohle als Brenn- und durch Eisen als Baumaterial ersetzt (vgl. Munzinger 1921, S. 27). Einen großen Gewinn für die Industrie wurde fortan von der allgemeinen Anwendung der Steinkohle erwartet, die damals allmählich in den Fabriken zur Energieerzeugung eingeführt wurde. Planerisch stellte diese Weiterentwicklung vor allem den Ausbau der Verkehrslage zu jener Zeit in Frage. Es fehlte eine direkte Anbindung vom Kohlegebiet der Saar nach Kaiserslautern und der damit einhergehende Ruf einer Chaussee (sogenannte Kunststraße bzw. veraltete Bezeichnung für eine gut ausgebaute Landstraße) wurde zunehmend lauter. Aus diesem Grund wurden nach Vorbild der napoleonischen Kaiserstraße, mehrere Straßen durch die Gebirgstäler angelegt. Die Kaiserstraße ist der Name des Teilstückes der ehemaligen Bundesstraße 40 zwischen Mainz und Saarbrücken (vgl. Munzinger 1921, S. 28).

Industrielle Entwicklung in Kaiserslautern

Industrielle Entwicklung in Kaiserslautern - Tobias Naumann / pixelio.de

Um 1840 erreichte das industrielle Leben eine äußerst zufriedenstellende Lage und Kaiserslautern wurde als wirtschaftlicher Mittelpunkt in der Pfalz anerkannt. Dazu trugen die Nähe zu den Kohlevorkommen und die holzreiche Umgebung bei, die es von anderen Städten wie Speyer, Ludwigshafen oder Worms abhob. In den Folgejahren war es den pfälzischen Gewerbebetreibenden schließlich gelungen am 18. April 1843 die Genehmigung zur

Errichtung einer Handelskammer zu erhalten. Darin waren folgende Unternehmen vertreten:

  • Adam Weber: Tabakfabrikant, Großhändler, Spediteur und Bürgermeister
  • Franz Karcher: Tuch- und Spezereihändler (Gewürzhändler)
  • A. Pletsch: Mühlenbesitzer
  •  Adam Orth: Kattunfabrikant (Baumwolle)
  • W. Jakob: Tuch- und Spezereihändler

Da die Handelskammer in der genannten Besetzung allerdings nie wirklich in Erscheinungtrat, wurde zunächst eine Kammer für das gesamte Königreich mit Sitz in München errichtet.

Erst 1850 bekam die Pfalz wieder eine eigene Handelskammer, deren Sitz jedoch nach Ludwigshafen verlegt wurde (vgl. Munzinger 1921, S. 30). Anschließend an die Errichtung der Handelskammer, wurde am 10. September 1843 die erste
pfälzische Industrieausstellung von der pfälzischen „Gesellschaft für Pharmazie und Technik und deren Grundwissenschaften“ eröffnet. Aus den anwesenden Ausstellern, ergab sich ein Bild des damaligen Standes der Kaiserslauterer Industrie. An dessen Spitze standen die Eisenwerke der Gebrüder Gienanth in Trippstadt (eine Ortsgemeinde und staatlich anerkannter Luftkurort im Landkreis Kaiserslautern), die zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihrer unternehmerischen Entwicklung standen. Daneben war die Kattunfabrik von Adam Orth der bedeutendste Betrieb der Stadt. Des Weiteren ist die Spiritusfabrik von C. H. Karcher, die Stiftefabrik der Gebrüder Böcking, die Seifensiederei Stephany, die Essigfabrik von Adam Wagner, die Zuckerfabrik A.-G. und die Bierbrauerei von Conrad Schluck zu nennen. Die vielen verschiedenen Unternehmen zeugen von einer großen Auswahl an Industrieprodukten, sodass sich die Stadt den Vorwurf einer einseitigen Philosophie bei der Ansiedlung und Neugründung von Industriestätten nicht machen musste. Ferner beschäftigte das königliche Zentralgefängnis seine Insassen mit der Anfertigung von Flachs- und Hanfleinwänden, Hanfgeweben, Flachsgespinsten und Hanfgaren, was für die spätere Erfolgsgeschichte der Kaiserslauterer Textilindustrie noch von großer Bedeutung sein sollte (vgl. Munzinger 1921, S. 31f.).

Weiterhin waren auf der Ausstellung folgende wichtige Handwerker vertreten: Der Schreinermeister Niklas Eckel, der Mechaniker Jakob Pfeiffer und die Instrumentenmacher Georg und Franz Pfaff (dabei wird auf die Gebr. Pfeiffer AG und Nähmaschinen Pfaff in dieser Arbeit später noch genauer eingegangen). Außerdem waren die Gerber Krummel und Karl Stephany III. anwesend. Neben den zahlenmäßig überlegenen Fabriken genoss das Handwerk seinerzeit ein hohes Ansehen und gewisse Zweige, wie die Holzbearbeitung, waren ihm noch gänzlich vorbehalten. Um künftig die Verkehrssituation für den Transport von Rohstoffen und Endprodukten weiter zu fördern, fehlte eine adäquate Eisenbahnstrecke, die Kaiserslautern mit dem Kohlegebiet der Saar und der Verkehrsader des Rheines verband. 1847 wurde das Transportproblem teilweise durch den Bau einiger Eisenbahnverbindungen verbessert. Es entstanden folgende

Eisenbahnlinien:
Ludwigshafen – Neustadt an der Weinstraße (11. Juni 1847
Kaiserslautern – Homburg (1. Juli 1848)
Frankenstein – Kaiserslautern (2. Dezember 1848)
Homburg – Saarbrücken (6. Juni 1849)
Neustadt a. d. W. – Frankenstein (25. August 1849).
Erst später wurden noch die Linien Kaiserslautern – Enkenbach (15. Mai 1875),
Kaiserslautern – Lauterecken (15. November 1883) und die Verbindung Kaiserslautern –
Waldfischbach (Herbst 1913) eröffnet.

Durch diese sehr gut ausgebauten, fast strahlenförmig von Kaiserslautern auslaufenden Bahnstrecken, ist die Stadt von allen Himmelsrichtungen ausgehend durch Bahngleise umgeben. Den ansässigen Industriezweigen sowie den Lieferanten wurde dadurch die Möglichkeit gegeben, beinahe überall und in kürzester Zeit einen Bahnanschluss zu erreichen (vgl. Munzinger 1921, S. 32-34).

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