Geschichte der Kammgarn – von der Spinnerei zum Kulturzentrum

Die Kammgarnspinnerei, ein Zeugnis der Industriekultur des 19. und 20.Jahrhunderts, wurde 1857 von Franz Flamin Meuth und Jean Schoen ins Leben gerufen. Zunächst wurde die Böcking’sche Mühle als Spinnerei genutzt und stattete diese mit einer, für damalige Verhältnisse, modernen Technik aus. Einige Jahrzehnte dauerte es, bis ein Gleisanschluss den Industriekomplex erschloss sowie notwendige Betriebserweiterungen zwischen 1905 und 1912 erfolgten. Nachdem ein Brand mehrere Fabrikhäuser niederstreckte, wurden 1937 neue Produktionshallen und ein Verwaltungsgebäude nach den Plänen des Stuttgarter Architekten Philip Jacob Manz entworfen und gebaut.

Dessen Konzeption erinnert ein wenig an die Industriearchitektur der Zeche Zollverein in Essen. Auf die 1930er Jahre geht der Bau der Turbinenhalle, ein Eisenklinkerbau und das Neue Kesselhaus zurück. Ebenso eine Planung von Manz ist der Nord-Süd-Riegel des Verwaltungsbaus mit seinem markanten Turmbau. Eine Brücke verbindet diesen Riegel mit dem Wollmagazin auf der anderen Seite. Diese Brücke, an der das Firmenlogo der Kammgarnspinnerei mit Widder und Spindel seinen Platz hat, formt gleichsam den stadtnahen Eingang zum ehemaligen Firmengelände.

Während des III. Reichs produzierte das Unternehmen auf umgebauten Zwirnmaschinen Natronpapier und Granaten, war also in das kriegsorientierte Wirtschaftsgefüge eingebunden. Bei den Bombardements der Alliierten war die Kammgarnspinnerei eines der Ziele in der Stadt, nach dem Krieg jedoch erfolgte der zügige Wiederaufbau. Der Rückgang in der deutschen Textilindustrie aufgrund der billigen Konkurrenz in Fernost erzwang 1983 die Stilllegung des einstmals wohl modernsten Textilbetriebs in Westdeutschland. Daraufhin wurde der größte Teil des Maschinenparks in die Volksrepublik China verkauft. Bisher ohne neue Funktion ist das Pförtner- und Feuerwehrhäuschen am Rande des Verwaltungsbaus. In diesem werden heute angehende Architekten, Bauingenieure und Innenarchitekten an der Fachhochschule Kaiserslautern ausgebildet. Gegenüber dieser Abteilung der Fachhochschule Kaiserslautern haben sich im ehemaligen Wolllager Künstler wie Silvia Rudolf und Nicole Gimber eingerichtet, sie gehören zur Künstlerwerkgemeinschaft Kaiserslautern (vgl. schwarzaufweiss 2010, o. S.).

Das Bild zeigt die damalige und heutige Nutzung sowie die Jahre, in denen die Gebäude errichtet wurden. Große Teile der Produktionshallen (2-5) gehören heute der Fachhochschule Kaiserslautern an. Der Campus II Kammgarn beherbergt dabei den Fachbereich „Bauen und Gestalten“, während die anderen Studienschwerpunkte in der Morlauterer Straße in Kaiserslautern untergebracht sind.

Die ehemaligen Werkstätte, Kesselhäuser und Wolllager wurden umfunktioniert. Ähnlich wie es im Ruhrgebiet (Bsp. IBA Emscher Park) vollzogen wurde, hat die Stadt die altindustriellen Brachflächen genutzt und zu einem Kulturzentrum umfunktioniert. In den jetzigen Bauwerken gibt es Restaurants, ein Konzertsaal, einen Club/Diskothek sowie Ausstellungsräume für die Gartenschau. Dabei spielt das Kulturzentrum Kammgarn, welches 1988 eröffnet wurde die Hauptrolle. Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz und beherbergen neben den beiden großen Veranstaltungsräumen Kasino und Museum 2 einen Club (Cotton Club, in Anlehnung an die alte Spinnerei) der ebenfalls für Konzerte genutzt wird. Einmal jährlich findet jeweils das Kammgarn International Jazzfestival und im Cotton Club das Kammgarn International Blues Festival statt. Das besondere Ambiente wird nachts durch eine Lichtinstallation des Pfälzer Künstlers Michael Seyl in Szene gesetzt. Darüber hinaus brachten diverse Bildhauer permanent installierte Ausstellungsobjekte auf dem Gelände an. Seit Bestehen besuchten über zwei Millionen Menschen das Kulturzentrum zu etwa 4300 Veranstaltungen (Stand 2006). Zu den bekanntesten Auftritten zählen internationale Stars der Szene wie B.B. King, Manfred Mann’s Earth Band, Pat Metheny, Jan Garbarek, Maximo Park, Tocotronic, Madsen oder Revolverheld (vgl. Kammgarn 2010, o. S.).

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