Landwirtschaftliche Nutzfläche – Flächennutzung und physisch-geographische Bedingungen

Die landwirtschaftliche Nutzfläche befand sich in den letzten Jahrhunderten in einem ständigen Wandel, so auch im 20. Jh., in dem sich beträchtliche agrarische Nutzungsveränderungen einstellten. Die Bodennutzung hat sich nach den beiden Weltkriegen bis zur heutigen Gegenwart deutlich gewandelt und produktionsmäßig eine enorme Steigerung zu verbuchen. Durch die Notwendigkeit der Eigenversorgung während der Kriege wurde der seit Jahrzehnten betriebene Prozess der „Vergrünlandung“, d.h. der Übergang von Acker- zu Dauergrünland abrupt gestoppt.

Große Teile des Dauergrünlandes wurden umgepflügt, wodurch im gesamten Vereinigten Königreich die Nutzfläche von 5,2 auf 7,8 Mio. ha ausgedehnt wurde. Sämtliche Kulturpflanzen erlebten eine Verdopplung oder Verdreifachung ihrer ursprünglichen Anbaufläche. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten entwickelte sich die Gerste zur wichtigsten Getreideart überhaupt. Sie wird nicht nur in den gesamten östlichen Lowlands (Flachland), sondern bis nach Nordostschottland (Region Grampian) und selbst auf den Orkney- und Shetland Inseln (nordöstlich von Schottland) angebaut. Der Anteil der Gerste liegt bei über 5% und beansprucht 15% der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Ein ebenso guter Indikator für die günstigen Bedingungen des Getreideanbaus in Ostengland stellt die Verbreitung des Weizens dar.

Landwirtschaftliche  Nutzfläche - Flächennutzung und physisch-geographische Bedingungen

Landwirtschaftliche Nutzfläche - Flächennutzung und physisch-geographische Bedingungen - Gitti Moser / pixelio.de

Der Weizenanbau musste sich aus Gründen der Rentabilität auf die für den Ackerbau von Natur aus besonders begünstigten Flächen des Humber-Ästuars (Grafschaften Humberside und Lincolnshire in Nordostengland) konzentrieren. 1993 wurden in den ost- bzw. südostenglischen Grafschaften Humberside, Lincolnshire, Cambridgeshire, Suffolk, Bedfordshire und Essex jeweils mehr als 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch den Weizenanbau genutzt. Allein auf diese fünf Grafschaften fallen knapp 40% der Weizenflächen in England. Auch in den an diese counties (engl. Grafschaft) angrenzenden Lowland-Gebieten ist der Weizenanbauanteil mit mehr als 20% noch relativ hoch einzuschätzen (vgl. Heineberg 1997, S. 127-129).

Nachdem die GAP 1992 ihr Flächenstilllegungsprogramm durchsetzte, verzeichnete der Getreideanbau zunächst deutliche Verluste. Allerdings war die EU angesichts des geringen Weltmarktangebotes und der deutlich gestiegenen Preise gezwungen, die Stilllegungen einzuschränken, wovon Großbritannien ab 1996/97 mit einer Zunahme der Produktion und Anbaufläche profitierte (vgl. Heineberg 1997, S.129). Unter den anderen Anbaufrüchten erfuhr der Ölsaat-Raps seit den 80er Jahren eine erhebliche Flächenausweitung. Der mittlerweile hochmechanisierte Zuckerrübenanbau, der über 60% der britischen Eigenversorgung mit Zucker deckt, konzentriert sich noch stärker als die Weizenflächen auf die klimatisch und edaphisch (den Boden betreffend) begünstigten Agrarräume Ostenglands (vor allem südlich des Humber-Ästuars). Der Gemüseanbau sowie die Obst- und Beerenkluturen, sind speziell im südöstlichen Kent, dem sogenannten „Garten“ Englands, verbreitet.

Diese stellen beutende Gebiete des gewerbsmäßigen Gartenbaus dar (market gardening). Als Gartenbau oder market gardening werden all diejenigen Berufe zusammengefasst, die in irgendeiner Form mit der lebenden Pflanze zu tun haben und nicht zur Land- oder Forstwirtschaft zählen (vgl. Heineberg 1997, S. 130). Ein Großteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Großbritannien unterliegt der extensiven Naturweidenutzung (rough grazing oder auch rough pasture). Die „rough grazings“ machen heute knapp 22% der Gesamtfläche Großbritanniens aus, dabei ergeben sich aber wesentliche Unterschiede zwischen den drei Landesteilen England, Wales und Schottland. Die Nutzungseinschränken bzw. Unterschiede ergeben sich zu einem erheblichen Teil aus den physisch-geographischen Faktoren. Auskünfte über günstige und ungünstige Klimabedingungen ergeben sich durch die gemessene Sonnenscheindauer der jeweiligen Region. Sie ist deshalb von großer Bedeutung, da sie als Indikator, wichtige Vor- und Nachteile in Bezug auf den Anbau von Feldfrüchten in den verschiedensten Landesteilen aufzeigen kann (vgl. Heineberg 1997, S. 124-125).

Die wenigsten Sonnenstunden gibt es in den Berglandgebieten der nordschottischen Highlands. Relativ vorteilhaft erscheint die Leeseite (vom Wind abgewandte Seite) der Lowlands, an der Ostflanke der Berglandgebiete. An der Westseite ist ein entsprechend sonnenscheinbegünstigter Saum (schmal ausgedehnter Vegetationsbestand), der gegenüber den anderen Berglandgebieten eine höhere Sonnenscheindauer erreicht. Über die höchsten durchschnittlichen Sonnenscheindauerwerte verfügt der südliche Teil Englands. Vor allem der küstennahe Bereich im Süden und Südosten sticht hierbei hervor. Ebenso logisch steht die Verteilung der Sonnenscheindauer in einer sehr starken Wechselwirkung zu denen der jährlichen Niederschläge.

Auf der Karte wird deutlich, dass bei der Verbreitung des Jahresniederschlages ebenfalls die Berglandgebiete, insbesondere die stark beregneten nordwestschottischen Highlands, aber auch der Lake District im nordwalisischen Bergland mit über 1600mm bis 2400mm herausragen. Im Hinblick auf eine sich lohnende Ernte, bieten die im „Regenschatten“ (Leeseite, siehe S. 4) gelegenen östlichen bzw. südöstlichen Landesteile günstige, agrarwirtschaftliche Bedingungen. Einen weiteren Klimafaktor stellen die durchschnittlichen Monats- und Jahrestemperaturen dar. Aufgrund der räumlichen Unterschiede ergibt sich ein klarer Nord-Süd Gegensatz bezüglich der Wärmebilanz innerhalb Großbritanniens. Wobei die südlich gelegenen Landesteile von relativ warmen Temperaturen begünstigt sind und die nördlichen Berglandgebiete eher als Kälteregionen gelten. Der Norden ist sehr stark ozeanisch-maritim geprägt, d.h. das thermische Verhalten (ungleichmäßige Erwärmung) der angrenzenden Meeresräume, der verhältnismäßig hohe sommerliche Bewölkungsgrad und die Häufigkeit von Sommernebeln lassen das durchschnittliche Temperaturmaximum nicht höher als 12° C ansteigen (vgl. Heineberg 1997, S. 124-126). Festzuhalten ist, dass die genannten klimatischen Bedingungen und Verhältnisse den Getreideanbau im äußersten Norden weitestgehend einschränken und den anspruchsvolleren Weizen in diesen Gebieten nicht wachsen lassen. In jüngster Vergangenheit konnte jedoch durch staatliche, insbesondere für die crofter- Landwirtschaft (ein landwirtschaftliches Areal, das durch Hecken oder Steinmauern eingezäunt ist) wichtige finanzielle Beihilfen von Ödlandmeliorationen (Maßnahmen zur Werterhöhung des Bodens) und Einzäunungen sowie weiteren Optimierungen, die Ausweitung kultivierter Grasland- Flächen beträchtlich gefördert werden. Hinsichtlich der eher schlechten Ackerlandschaften des Nordens, sind die trockenen und wärmeren Gebiete im Südosten prädestiniert für den Getreide- und Hackfruchtanbau. Nicht nur wegen der klimatischen Vorrangstellung, sondern auch durch ihre eher flachwelligen Ebenen, die den Einsatz von Maschinen leichter gestaltet, ist die Ostflanke Englands deutlich besser zur Landwirtschaft geeignet, als der Norden (vgl. Heineberg 1997, S. 126f.).

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