Öl- und Gasindustrie in Großbritannien

Die Öl- und Gasindustrie war ein entscheidender Sektor der britischen Neo-Industralisierung, da es bei der Förderung um viel Geld geht und somit die Wirtschaft Großbritanniens bis heute stärken konnte und zusätzlich in neue Technologien investiert wurde, die auch in anderen Bereich eingesetzt werden können. Die britische Öl- und Gasförderung wurde bis zum Ende der 60er Jahre hauptsächlich auf dem Land betrieben, doch man hat auch Öl- und Gasfelder unter dem Meeresuntergrund gefunden und des wegen heißt diese Verfahren die Offshore-Öl- und Gasgewinnung.

Großbritannien hat ab dem Jahr 1965 das erste Mal östlich des Humber-Ästuars Gas gefunden und an das britische Gas-Pipeline-System angeschlossen. Wie in Abbildung 4 zu erkennen ist entstand im Laufe der Jahre ein enorm großes Netz aus Off- und Onshorepipelines. Dieses gehört zu einem der dichtesten Netze der Welt. Eine weitere Besonderheit des britischen Pipelinesystem ist, dass an den Bohrstelle Öl- und Gas getrennt werden und dann in zwei verschiedenen Pipelines abgeführt werden. In den folgenden Jahren wurden immer mehr Öl- und Gasfelder erschlossen, sodass die Offshoreproduktion immer weiter stieg.

Eine weitere Folge ist, dass die Infrastruktur der Ölpipelines immer weiter ausgebaut wurde und schließlich zu einem der komplexesten der Welt wurde. Durch die Explosion der Bohrinsel Piper Alpha kam es ab 1988 zu einem starken Rückgang der produzierten Menge an Öl und Gas aus Offshorefeldern, da als Folge der Explosion neue Sicherheitsvorkehrungen beschlossen wurden und diese erst verwirklicht werden mussten. Nach der Katastrophe hat die Offshore-Ölprodution sich schnell wieder erholt und 1995 die bisherige Rekordmenge von ca. 130 Mio. t gefördertem Öl erreicht. Zu diesem Zeitpunkt wurde aus insgesamt 62 Offshore Ölfeldern Öl gefördert (vgl. Heineberg 1997, S. 240). Weiter sieht man auf der Abbildung 3, dass logischerweise mit dem Ansteigen der Ölproduktion auch die Importe gesunken sind. Auch lässt sich darauf schließen, dass Großbritannien ab 1980 zu einem Ölexporteur wurde, da ab diesem Zeitpunkt die Ölproduktion den Raffinerieverbrauch übertraf. Die Tatsache, dass immer noch Öl importiert wurde, liegt daran dass man das britische Öl mit qualitativ schlechterem Schwerrohöl mischen musste um es effizient in den Raffinerien verarbeiten zu können.

Regionale Auswirkungen der Ölindustrie

Die regionalen Auswirkungen der Ölindustrie waren enorm, da in dem primären Sektor der Ölindustrie, also der Förderung, dem sekundären, der Verarbeitung und Herstellung von Bohrinseln, und dem tertiären, Versorgung und Lagerhaltung, viele neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Allerdings hatten nicht alle Regionen einen Vorteil von dem Wandel. Da sich die Hafenstadt Aberdeen mit der Zeit immer mehr zur Britain’s oil capital wandelte, haben die umliegenden Regionen eine Schrumpfung erfahren, da es die Menschen und die Betriebe nach Aberdeen gezogen hat. Die Funktionen, die sich in Aberdeen herauskristallisierten, waren vor allem die der Verwaltung und Versorgung der Nordseeölindustrie. Aberdeen war somit der einzige Standort in Großbritannien, an dem sich sog. „key control functions (Schlüssel Kontrollfunktionen)“, ausgenommen London, ansiedelten. Dies lässt sich wohl so erklären, weil Aberdeen die nächst größere Stadt an den großen Ölfeldern ist. Die Standorte der anderen Funktionen haben sich meist in peripheren Räumen angesiedelt, der Förderungssektor hat sich natürlich auf dem Meer in Form von Ölplattformen in horizontaler Ausrichtung zum dementsprechenden Ölfeld platziert. Die Standorte des sekundären Sektors der Ölindustrie haben sich meist an den an der östlichen Küste Großbritanniens angesiedelt. Dies kann man dadurch erklären, dass die Werften für den Bau einer riesigen Ölplattform extrem viel Platz benötigten und sich durch die Ansiedlung in weniger verdichteten Räumen Geld sparen ließ. „ Eine Stahlplattformwerft benötigt ca. 80 ha Land mit Zugang zum Meer, das an der Küste mindesten 10 m tief sein muß.“(vgl. Heineberg 1997, S.241).

Da die Standorte des sekundären Sektors in ländlichen Gebieten waren, war es von Nöten die Infrastruktur um diese Standorte herum durch Straßen Neu- bzw. Ausbau zu verbessern. Zusätzlich wurde die Anbindung der Luft- und Wasserstraßen ausgebaut. Dadurch hat sich nicht nur die Standortqualität für die Unternehmen verbessert, die unmittelbar mit der Ölindustrie zu tun haben, sondern auch für die einheimische Bevölkerung und Betriebe. Die Endpunkte der Pipelines hatten ebenfalls Auswirkungen auf die Region. Da es hier erforderlich war Tanklager, Raffinerien, Petroindustrie und Häfen für Tankschiffe zu bauen, um möglichst alle Verarbeitungsschritte zu konzentrieren.

Durch die benötigten Arbeiter haben diese Regionen am Anfang des Ölbooms in Großbritannien erheblich an Zuwachs gewonnen. Allerdings kam es in den Jahren zwischen 1986 und 1988, durch den Erdölpreis-Kollaps (siehe Abbildung 3) zu erheblichen Einbrüchen der Beschäftigungszahl. Nach dieser kurzen Zeit des Schrumpfens kam es Mitte der 90er Jahre wieder zum Wachstum der Ölindustrie und damit hat die Anzahl der Beschäftigten wieder zugenommen. Allerdings haben die großen Ölunternehmen versucht Geld zu sparen und die Anzahl der Beschäftigten zu reduzieren und keine Dauerbeschäftigungen, sondern nur noch Zeitverträge abzuschließen. Dadurch ist es für die Arbeiter unsicherer geworden Arbeit in einem solchen Betrieb anzunehmen, da sie sich nicht sicher sein konnten für, wie lange sie dort arbeiten konnten. Deshalb hat die Anzahl der Beschäftigten nie wieder solche Maße wie vor des Erdölpreis-Kollaps erreicht (vgl. Heineberg 1997, S. 241f).

Am Beispiel der Shetlandinseln werden im folgenden Abschnitt die Veränderungen einer Region verdeutlicht. Am Anfang der 70er Jahre wurde im Nordosten der Shetlandinseln ein großes Ölfeld entdeckt (siehe Abbildung 4). Durch diese Entdeckung wurde diese Region bis heute geprägt. 1978 ist das erste Öl aus diesem Ölfeld durch die beiden neu errichteten Pipelines mit je einer länge von ca. 160 km geflossen. Die Shetlandinseln hatten 1971 ca. 17.300 Einwohner. Um den Ölumschlaghafen in Sullom Voe auszubauen, waren mehr als 7000 Arbeiter aus ganz Großbritannien auf den Shetlandinseln. Die höchste Zahl der Beschäftigten der Ölindustrie erreichte 1981 mit ca. 9000 ihr Maximum. Allerdings sank diese Zahl innerhalb von 2 Jahren auf 2000, auf die sie sich bis heute eingependelt hat. Dies lässt sich wohl dadurch erklären, dass am Anfang viele neue Einrichtungen erbaut werden mussten. Darunter fallen zum einen die Einrichtungen, die direkt mit der Ölindustrie zusammenhängen und zum anderen die durch die Folgen des Bevölkerungszuwachses entstanden sind. Darunter fällt der Ausbau der Straßen, Neuerrichtung von drei Flughäfen, Schulen und medizinischen Einrichtungen. Dadurch wurde die Lebensqualität der neuen Bewohner und vor allem der einheimischen Bewohner Shetlands erheblich gesteigert. Ein weiterer Punkt der unter den Aspekt Verbesserung der Lebensqualität fällt ist, dass den Einheimischen eine vielfältige Auswahl an Beschäftigungsmöglichkeiten geboten wurde. Deshalb waren die Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Rest Schottlands bzw. des restlichen UKs (siehe Tabelle 3).

Obwohl wie im oberen Abschnitt erwähnt Aberdeen das Hauptzentrum der Verwaltungs- und Versorgungslogistik der britischen Ölindustrie ist, wurden auf den Shetlandinseln weitere Servicebasen (siehe Abbildung 5) errichtet. Deshalb musste die Infrastruktur von der Hauptinsel Großbritanniens zu den Shetlandinseln erheblich verbessert werden. Mit diesem Hintergrund sind die Zahlen der Tabelle 4 nicht verwunderlich aber dennoch beeindruckend, wie sehr sich die Bedeutung einer Region durch die Ansiedlung eines Industriezweigs verändern kann (vgl. Heineberg 1997, S. 242ff).

Neben all diesen positiven Auswirkungen der Ölindustrie gibt es auch negative. Die Ölindustrie hat durch eine höhere Attraktivität den traditionellen Industrien der Shetlandinseln Arbeitsplätze weggenommen. Zudem sinkt die Menge des geförderten Öls seit vielen Jahren stetig und es ist ungewiss, wie lange die Ölindustrie noch ansässig ist. Dabei entstehen weitere Probleme. Es ist damit zu rechnen, dass die Ölindustrie die Shetlandinseln verlässt, sobald die Förderung nicht mehr rentabel ist, und dadurch viele Arbeitsplätze verloren gehen. Dadurch kann es möglich sein, dass die Arbeitslosen auch von den Shetlandinseln wegziehen. Wenn dieser Fall eintritt, hat man das Problem, dass man eine gute Infrastruktur für weniger Menschen instand halten und somit finanzieren muss. Für diesen Fall wurde auf den Shetlandinseln ein Finanzeller Reservefonds eingerichtet, der gegebenenfalls die traditionelle Wirtschaft wieder ankurbelt.

Das Ende des Aufschwungs?

Nach dem Großbritannien 13 Jahre erfolgreich mehr Öl exportiert hat als importiert kam es im Jahr 2004 erstmals dazu, dass das Land wieder mehr Öl Importtieren musste. Nach dem Allzeithoch von 1999, mit 2,8 Mio. geförderten Barrel pro Tag, sank die Fördermenge stetig. Dadurch wird Großbritannien erhebliche Probleme bekommen, da die Wirtschaft hauptsächlich auf dem Ölexport beruht. Man musste sich bisher auch keine Sorgen über steigende Ölpreise machen, sondern die Briten haben davon profitiert. Allerdings spüren sie jetzt auch die Bremswirkung der hohen Ölpreise für die Wirtschaft. Die Regierung hat sofort reagiert und die Lizenzgebühren, die zur Förderung von Öl benötigt werden gesenkt. Dadurch soll erreicht werden, dass auch weniger rentable Ölfelder erschlossen werden. Durch die starke Konzentration auf die Ölindustrie wurde die traditionelle Industrie sehr vernachlässigt, wodurch Großbritannien diesen Schlag noch härter zu spüren bekommt, da sie wenige Exportgüter haben (vgl. Eurasisches Magazin 2004).

Die Frage ob der Aufschwung vorbei ist, ist somit geklärt. Großbritannien steht nun vor der Aufgabe , bildlich gesehen, den Aufprall weicher zu gestalten. Deshalb Großbritannien hat einen extremen Schritt vor um weiter Öl fördern und exportieren zu können. Da die Falklandinseln, östlich von Argentinien, aus der Kolonialzeit noch zu Großbritannien gehören und dort ein gewaltiges Ölfeld vermutet wird erheben die Briten Anspruch auf dieses Feld. Es wird geschätzt, dass das Ölfeld die halbe Menge der im Irak vorkommenden besitzt, nämlich ca. 60 Mrd. Barrel. 1982 kam es zwischen Argentinien und Großbritannien, allerdings aus territorialen Gründen zum Krieg. Dieser Krieg konnte Großbritannien nach 72 Tagen gewinnen. Die Falklandinseln gehören in den Köpfen der Argentinier zu ihrem Land, weshalb sie Anspruch auf dieses Ölfeld erheben. Da dieses Thema ein großes Konfliktpotenzial besitzt, lässt sich nur hoffen, dass es wegen des schwarzen Goldes nicht zu einem weiteren Krieg kommt.

Hightech-Industrie in Großbritannien

Hightech-Industrien definieren sich durch den Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F & E) Bruttoproduktionswert. Dieser soll bei mindestens 20% über dem nationalen Durchschnitt liegen. Es gibt aber auch Ausnahmen, wenn dieser Wert zwar über dem nationalen Durchschnitt liegt, aber die 20% nicht erreicht. Dann muss die Anzahl der Beschäftigten im F & E Bereich über dem nationalen Durchschnitt liegen, um in die Liste der Hightech Standorte aufgenommen zu werden.

Als bisher überzeugendster Ansatz zur Definition von Hightech Regionen gilt bis heute der Ansatz von Sternberg (1995). „Danach müssen Hightech-Regionen vier Bedingungen erfüllen: Sie müssen nach absoluten und relativen und ebenso auch statischen und dynamischen Indikatoren über dem Landesdurchschnitt liegen.“ (vgl kinder s50). Die absoluten und relativen Indikatoren sollen dafür sorgen, dass es sich um eine tatsächliche Konzentration von Hightech-Industrien handelt und mit den statischen und dynamischen Indikatoren soll sichergestellt sein, dass diese Regionen auch Wachstumsregionen im nationalen Vergleich sind. Bei Anwendung dieser Indikatoren lassen sich generell zwei primäre („Western Crescent“ und Cambridgeshire) und zwei sekundäre (Lothian und Gwent) Hightech-Regionen in Großbritannien ausmachen (siehe Abbildung 6). Den Western Crescent bilden 13 Counties der Regionen South East und South West. In den 80er Jahren konnte ein Wachstum der Hightech-Intensität der westlichen Counties des Western Crescent beobachtet werden. Dies hat sich aber während der 90er Jahre geändert, da in dieser Zeit Counties mit Nähe zur Hauptstadt London immer mehr an Bedeutung gewonnen haben. Trotz der Nähe von Cambridgeshire (Standortquotient von 1,92) zum Western Crescent wird diese Region aufgrund der besonderen Entstehungsursache gesondert ausgewiesen. Lothian weist zwar einen deutlich geringeren Standortquotienten (1,34) auf als die Counties Cambridgeshire oder die des Western Crescent, stellt aber eine auffällige Konzentration im Norden Großbritanniens dar. Das County Gwent hat seit 1991 (Standortquotient von 1,31) und 1996 ( 0,74) auffallend an Bedeutung verloren und gilt deswegen heute nicht mehr als Hightech-Region. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass nach dieser Definition mit dem Western Crescent und Cambridgeshire zwei Hightech-Regionen in Großbritannien existieren. Die Regionen Lothian und Gwent entsprechen diesen Anforderungen schon länger nicht mehr.

Eurasisches Magazin (2004): Den Briten geht das Öl aus – das Ende des Aufschwung scheint gekommen. http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20040910 (16.06.10).

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