Cindy Sherman – Bildanalyse + Interpretation

Inhaltsverzeichnis:

I. Analyse und Interpretation

A) Erster Eindruck

Das Bild weckt in mir Vertrautheit, aber auch leichte Bestürzung. Es kommt mir vor, als hätte ich die Frau auf dem Bild schon einmal gesehen.

Cindy Sherman Untitled #355-2000

Cindy Sherman Untitled #355-2000 Copyright by Cindy Sherman

B) Analyse

1. Inhalt
Auf dem Bild ist eine mittelalte Frau zu sehen, die sich in einem Innenraum befindet und direkt in die Kamera blickt. Sie sitzt auf einem dunklen Stuhl. Das Alter der Frau ist schwer zu schätzen, da sie stark geschminkt ist. Ich würde sie für Mitte bis Ende dreissig halten. Ihre langen, glatten, dunkelbraunen Haare trägt sie offen und nach hinten gekämmt, nur bei der linken Schulter sind einige wirre Strähnen nach vorne geraten. In die Haare hat sie eine große rosa Sonnenbrille mit dunklen Gläsern gesteckt sowie ein breites schwarzes Haarband geschoben. In den Ohren trägt sie große silberne Ohrringe, vermutlich Kreolen. Ihr Gesicht ist oval, ihre ohnehin fülligen Lippen hat sie mit Lippenstift betont und mit Lipliner noch fülliger wirken lassen. Sie deutet einen leichten Kussmund an. Ihre geröteten, blauen Augen scheinen fast erdrückt zu werden von den beiden großen, dunklen Bögen aus lila Lidschatten. Über ihre blassen hellbraunen Augenbrauen hat sie sich zwei schmale schwarze Augenbrauen gemalt, die in Richtung Nase kürzer sind als ihre natürlichen. Ihre Haut ist am ganzen Körper gebräunt, nur im Gesicht sind einige helle Stellen, die vermutlich von der Kombination aus Schminke und Scheinwerferlicht herrühren. Den rechten Oberarm der Frau ziert ein schwarzes Tatto, das sich in einem Muster einmal um den Arm windet.

Sie trägt ein knappes dunkelrotes Top, das wahrscheinlich aus Satin besteht und dazu eine kurze graue Radlerhose. Die Tättowierte ist schlank, Arme und Beine sind etwas muskulös. Ihre rechte Hand ist locker auf dem Oberschenkel aufgestützt, auffällig sind die langen künstlichen Fingernägel und die drei goldenen Ringe mit türkisfarbenen Steinen. Die andere Hand ist ebenfalls mit drei ähnlichen Ringen geschmückt und ruht im Schoß. Beim Hintergrund handelt es sich eventuell um eine dunkle Wand, die angestrahlt wird und dadurch heller wirkt.

2. Form
Der Betrachter blickt frontal auf die Sitzende, da es sich um die typische Portät-Perspektive handelt. Die Frau sitzt im Bildzentrum und füllt das Bild fast komplett aus, sie sitzt aufrecht, ihr rechter, aufgestützter Arm ragt auf der Seite ein wenig aus dem Bild heraus und ihre Beine sind durch den unteren Bildrand knapp oberhalb der Knie abgeschnitten.

Sie wird von verschiedenen Seiten angeleuchtet, was die Atmosphäre eines Fotostudios herstellt. Der rechte Teil des Gesichts liegt etwas im Schatten, die restlichen Schatten werden durch Falten der Kleidung geworfen. Die vermutlich braune Wand wird angestrahlt, sodass sie in der Mitte hell wirkt und nur in den Ecken des Bildes dunkel ist. In ihrem Gesicht fallen die farblichen Kontraste am meisten auf, das knallige Rot der Lippen im Kontrast zu den hellen Wangen, sowie der dunkle Lidschatten zu ihren geröteten Augen.

C) Interpretation

Sherman übt mit diesem Bild Gesellschaftskritik aus, vor allem in Bezug auf Schönheitsideale. Die abgebildete Frau steht als Stereotype für eine breite Masse an Frauen, die sich gegen das Altern wehren mit viel Schminke, langen Haaren, kurzen Kleidern sowie gebräunten, trainierten Körpern. Zwar ist ihr Kopf erhoben und sie blickt frontal in die Kamera, ihr Körper aber ist vornübergebeugt und der ausgezehrte Blick aus roten Augen lässt ahnen, dass das Äußere nur Fassade ist, sie ziemliche Sorgen hat und innerlich kraftlos und unglücklich ist.

Ihr gesamtes Styling von der Sonnenbrille über das Tattoo, der unpassend kombinierten kurzen Kleidung bis zur grellen Schminke spiegelt Geschmacklosigkeit wieder und lässt die Herkunft aus einer der unteren Schichten erahnen. Die Frau legt großen Wert auf ihr Äußeres, als Betrachter drängt sich einem der Verdacht auf, dass ihr Körper ihr Kapital ist und sie sich damit einen reichen Mann angeln will. Die Frau ist unglücklich mit ihrem eigenen Leben, versucht jemand anderes zu sein und richtet sich nach scheinbaren Schönheitsidealen, was sie aber noch unglücklicher zu machen scheint. Die Künsterlin kritisiert somit die Lebensweise eines Gesellschaftsteils, der unbedingt versucht schön und jung zu sein, dabei genau das Gegenteil erreicht und zudem noch unglücklich ist. Die erwähnten Kontraste in ihrem Gesicht lassen den Betrachter sich zunächst darauf fokussieren, sie haben einen beunruhigenden Effekt und spiegeln die innere Ausgezehrtheit und das „So-tun-als-ob“ wieder. Die Frau befindet sich in einem neutralem Raum, was Interpretationsansätze offen lässt. Sie allein steht im Mittelpunkt, man kann sich als Betrachter völlig auf sie konzentrieren und hat das Gefühl einer unverfälschten, unmalipulierten, reinen Wiedergabe der Person.

II. Darstellung der kunstgeschichtlichen Bedeutung

Sherman zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen inszenierter Fotografie. Untitled #355- 2000 gehört zu der Untitled-Serie, einer Serie von Selbstportäits, in der sich die Künstlerin unter anderem in ganz unterschiedlichen Frauenrollen darstellt. Dabei lässt sie den Betrachter kritisch auf Themen wie Fragen weiblichen Rollenverständnisses, Identität, Gewalt und Sexualität blicken. Die Künstlerin betont dabei, „nicht mit den Bildern eins zu sein, sondern lediglich die Darstellung, den Ausdruck zu suchen.“ Damit erweckte sie ein völlig neues Feld der Fotografie, was ihren Werke zweifellos große Bedeutung sowie großen Wert zukommen lässt. Das Werk Untitled #355-2000 speziell kritisiert Schönheitsideale, die ewige Jugend vorraussetzen sowie ganz bestimmte äußere Regeln festsetzen.

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