Max Ernst „Die heilige Cäcilie“ – Werkbetrachtung und Interpretation

Betrachtet man sich das Bild „Die heilige Cäcilie“, das Max Ernst 1923 mit Öl auf Leinwand malte, so entsteht ein erster Eindruck von Gefangensein oder Freiheitsraub, bzw. Bestrafung für irgendeine Tat. Die gemalte Figuren-Landschafts-Collage hat mythologischen Hintergrund und zeigt ironische Anspielungen auf christliche Inhalte und dient teilweise zur Belehrung, teilweise zur Erinnerung.

Das Bild lässt sich aufteilen in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Im Hintergrund erstreckt sich über 2/3 des Bildes ein teilweise wolkiger Himmel, der sich nach unten hin in eine wüstenähnliche Landschaft mit einem Fluss erstreckt, über welchem ein Fels zu sehen ist. Den Mittelgrund bildet ein stellenweise zerbröckeltes Mauerstück, bei dem die einzelnen Felsbausteine zu erkenne sind. An einigen Stellen in der Wand sind Kerben zu erkennen, die mit eigenartigen Augenformen versehen sind, an anderen Scharuben, welche mit Schnüren verbunden sind. Rechts von der Mauer, in der Mitte des Bildes, fliegt ein Vogel senkrecht gen Himmel. Den Vordergrund bildet ein weiteres Mauerstück, das wie ein Kokon für eine Frau dient, die im Halbprofil zu erkennen ist und ein unsichtbares Klavier zu spielen scheint.

Max Ernst - Die heilige Cäcilie

Max Ernst – Die heilige Cäcilie

Die Frau, deren Augen durch die Mauer verdeckt werden trägt ein langes Kleid und geflochtenes Haar. Am sichtbaren Fuß trägt sie einen Schuh mit Absatz, der auf einen Stab gestützt zu sein scheint. Das gesamte Mauergebilde steht auf einer Art Palette, die sich auf sandartigem Boden befindet.

Max Ernst malte das Bild in linearer Auffassung, das heißt er legte Wert auf klare Umrisse, die er vorzeichnete und dann mit Öl auf Leinwand ausfüllte. Hierbei wandte er das Prinzip der Collage an, mit dem er völlig neue Realitäten, bzw. Surrealitäten schuf.

Durch die Überschneidungen der Mauerstücke und der Frau wird eine Raumtiefe/Perspektive, durch die Schatten der Frau an der Wand und Aufhellungen an Armen und Hals Plastizität erzeugt.

Das natürliche Sonnenlicht scheint keine bestimmte Richtung zu haben, manchmal kommt es von links oben, was am Schatten der Frau zu sehen ist, manchmal von rechts (Fels im Hintergrund) und manchmal von unten vorne (Palette).
Zur Farbwahl ist zu sagen, dass es such meist um pigmentäre Mischfarben handelt, die im Vorder- und Mittelgrund einen warmen und im Hintergrund einen kalten Farbklang vermitteln. Reine Farben finden sich nur im oberen Teil des Himmels, alle anderen Stellen sind abgedunkelt, aufgehellt oder, wie schon erwähnt, mit Mischfarben gemalt. Fast durchgehend sind die Dinge in ihrer Farbigkeit natürlich dargestellt, das heißt sie kommen in ihrer Gegenstandfarbe daher.

Die Interpretation des Werkes fällt nicht ganz so einfach aus, wie die anderer Werke von Max Ernst. Auf die Idee des Bildes kam dieser, als er in einem Buch die Illustration eines Bronzegusses sah, die eine Statue zeigte. Er sah die aufgebrochene Hülle, die ihm später als Kokon für seine „Heilige Cäcilie“ diente.

Mehrere freie Deutungsansätze sind beim Werk möglich. Einer der offensichtlichsten ist die Bedeutung und Rolle der Frau allgemein. Als das Bild 1923 entstand, hatten die Frauen im Vergleich zu heute kaum Rechte und Freiheiten. Was ihnen blieb, waren Haushalt und Kinder. Ernst versucht dem Bertachter zu vermitteln, dass viele Frauen stärker waren und mehr ertrugen, als sie es zeigen konnten und durften. Die Frau, die das unsichtbare Klavier spielt, hat das einzige genommen bekommen, für was sie lebt. Sie dies nun ein Instrument, oder gar ein Kind von ihr, sie spielt die Melodie immer und immer weiter, lässt sich ihren Willen nicht nehmen. Sie ist eingesperrt und blind, ihre Freiheit wurde genommen, doch sie hält fest, an dem, was sie liebt und für was sie lebt. Auch der kleine Vogel, der Richtung Himmel fliegt. Stellt die ewige Sehnsucht nach Freiheit dar. Die Flügel sind entfaltet, der Wille ist stark, aber die konstruierte Gesellschaft, diese einengende, beklemmende Mauer an Menschen, die den Weg versperren, verhindert einen Aufstieg und ein Entkommen.

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