Max Ernst „Oedipe 25“ – Werkbetrachtung und Interpretation

Betrachtet man sich die Collage „Oedipe 25“, die Max Ernst 1934 anfertigte und in seinem Collageroman „Une semaine de bonte“ veröffentlichte, entsteht das Gefühl von Schrecken, Brutalität oder Gewalt, welche die eine Figur auf die andere ausübt.

Max Ernst -  Oedipe 25

Max Ernst – Oedipe 25

Es handelt sich um eine Personencollage mit eventuellem mythologischen Hintergrund. Auf die Aussage der Funktion wird in der späteren Interpretation näher eingegangen. Das Bild lässt sich in Vorder- und Hintergrund teilen. Im Hintergrund nimmt eine fleckige und zerbröckelte Wand von oben herab fast 3/4 des gesamten Bildes ein. Diese geht langsam in einen kachelartigen Fußboden über, welcher sich im Vordergrund über das Bild hinaus erstreckt.

Eine der beiden Personen, die sich im Vordergrund befinden ist aufrecht und durch die Kleidung und das Licht bedingt abgedunkelt frontal zu sehen. Die hellere nackte Figur, die im 90° Winkel auf Hüfthöhe der ersten Person zu fallen scheint, wird an der Fußsohle von Person 1 durchbohrt. Aufgrund der Statur der beiden Personen lässt sich vermuten, dass es sich bei der stehenden Figur um einen Mann und bei der fallenden Person um eine Frau handelt.

Bei Untersuchung der bildnerischen Mittel fällt zuerst die Parallelschraffur auf, die den gesamten Hintergrund durchzieht. Auch am Körper und Kopf des „Adlermannes“ ist mit Parallelschraffur gearbeitet worden, am Körper der Frau jedoch auch mit Punktschraffur und formgebenden Linien.

Das Licht kommt von einer undefinierbaren Lichtquelle vorne rechts, da die Figuren einen Schatten nach hinten links werfen. Durch die im 45° Winkel nach hinten verlaufenden Kacheln am Boden bekommt die Collage eine gewisse Raumtiefe. Durch Überschneidung der Personen wird diese Raumtiefe noch ein wenig intensiver, obwohl sie insgesamt sehr gering gehalten wird.

Bei der Interpretation des Werkes kann sich unter anderem auf die Ödipussage bezogen werden, was der Titel schon verrät. Die stehende Person könnte Ödipus darstellen, der mit einem Dolch den Fuß seiner nackten Mutter durchbohrt. Dies ist vermutlich eine Anspielung darauf, dass Ödipus als kleines Kind beide Füße durchstochen bekommen bekam und in der Wildnis ausgesetzt wurde, weil man seinen Eltern voraussagte, Ödipus werde seinen Vater töten.

Dies tut Ödipus dann auch unabsichtlich, weshalb die Seele seines Vaters in Ödipus weiterlebt, bzw. auf ihn übergeht. Hierfür stehen sinnbildlich der Adlerkopfder nun auf Ödipus Körper thront. Ödipus hat sozusagen sein „Gesicht verloren“, er ist kein Mensch mehr, sondern eher eine Art Tier. Der majestätische Blick des Adlers beschreibt vermutlich den Stolz und die Ehre den Ödipus erlangte, indem er seinen Vater tötete. Er tat dies zwar icht absichtlich, hat jedoch damit jedoch automatisch den Kampf zwischen Vater und Sohn und die Mutter gewonnen, von dem auch Sigmund Freud später in seiner Beschreibung des „Ödipuskomplex“ sprechen wird.

Man kann das Eindringen des Dolches in die Mutter auch im sexuellen Sinne verstehen, denn Ödipus nimmt nach dem Vatertod seine eigene Mutter zur Frau und hat Kinder mit ihr, für welche die kleinen Eier im Nest stehen könnten.
Die zerbröckelte Wand und die unebenen Bodenplatten könnten den Lebensweg darstellen, den Ödipus durchlief und der für ihn mehr als uneben war.

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