Großer Dankchoral – Bertold Brecht

Lobet die Nacht und die Finsternis, die euch umfangen!
Kommet zuhauf
Schaut in den Himmel hinauf:
Schon ist der Tag euch vergangen.
Lobet das Gras und die Tiere, die neben euch leben und sterben!
Sehet wie ihr
Lebet das Gras und das Tier
Und es muss auch mit euch sterben.
Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel!
Lobet das Aas
Lobet den Baum, der es fraß
Aber auch lobet den Himmel.
Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels!
Und daß er nicht
Weiß euren Nam‘ noch Gesicht
Niemand weiß, daß ihr noch da seid.
Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben!
Schauet hinan:
Es kommt nicht auf euch an
Und ihr könnt unbesorgt sterben.

Analyse und Interpretation des Gedichts „Grosser Dankchoral“

Wie bereits erwähnt, steht das Gedicht „Grosser Dankchoral“ im Kontext der „Hauspostille“ von 1927. Es handelt sich um das Schlussgedicht der zweiten Lektion „Exerzitien“. Die Bezeichnung bezieht sich auf einen katholischen Ritus. Es handelt sich um „Buß- und Andachtsübungen, die dem Sünder den läuternden Weg zu Gott öffnen sollen“.1 Bei Brecht verdeutlichen die „Exerzitien“ allerdings paradoxer Weise Aussichtslosigkeit. Vor den „Exerzitien“ stehen die „Bittgänge“, dahinter die „Chroniken“. Wie alle Lektionen, sollen auch die „Exerzitien“ mit der Schlusslektion beendet werden. Die „Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen“ weist daraufhin, dass die Lektion wiederholt und langsam gelesen werden soll, um den darin verborgenen Aufschluss über das Leben zu entdecken.

Analyse

Das Gedicht „Grosser Dankchoral“ besteht aus fünf Strophen zu je vier Versen. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „Lobet“. Es handelt sich also um eine Anapher in Form eines Imperativs religiöser Natur, an alle Leser. Es folgt ein Relativsatz. Bei jeder Strophe verwendet Brecht einen umarmenden Reim, ausgenommen der vierten, in der es sich beim ersten und letzten Vers um Waisen handelt. Die Strophen zwei und drei weisen je einen identischen Reim in Vers eins und vier auf. Die Kadenzen sind in jeder Strophe nach dem Schema „weiblich, männlich, männlich, weiblich“ aufgebaut. Der Versfuß ist ein durchgängiger Daktylus ohne Auftakt, wobei er je Vers verschiedenhäufige Hebungen aufzeigt. Allerdings sind die Strophen bezüglich der Hebungen, bis auf den ersten Vers der zweiten Strophe, gleich aufgebaut.

Der erste Vers besteht aus fünf, der zweite aus zwei und die letzten beiden Verse aus drei Hebungen. In der zweiten Strophe besteht Vers eins aus sechs Hebungen. Die letzte davon liegt auf dem Wort „sterben“. Hierdurch und dadurch, dass das Wort im vierten Vers in identischer Form auftaucht, wird es besonders betont. Hätte Brecht diese letzte Hebung ausgelassen, würde der Vers auf „leben“ enden und hätte somit eine ganz andere – positivere — Bedeutung. Der zweite identische Reim, welcher in Strophe drei auftritt, ist das Wort „Himmel“. Die Akzentuierung könnte Brecht auf dieses Wort gelegt haben, um den Glauben an einen Gott im Himmel zu parodieren. Insgesamt benutzt er das Wort viermal. Überhaupt verwendet er viele Wiederholungen, so z.B. „Baum“, „Finsternis“ und „Tier“, alles Wörter, die auch häufig in der Bibel zu finden sind. Negativ besetzte Wörter herrschen in dem Gedicht vor, ansonsten erinnert die Sprachverwendung stark an christliche Lobgesänge, sowohl von der Wortwahl, als auch von der Satzstellung her.

Interpretation & Inhalt

Inhaltlich geht es in der er ersten Strophe darum, die Nacht und die Finsternis zu loben. Dies stellt einen scheinbaren Widerspruch dar, da mit Nacht und Finsternis eher Negatives, als Positives verbunden werden kann. „Kommet zuhauf/ Schaut in den Himmel hinauf:/ Schon ist der Tag euch vergangen.“ Es soll in den Himmel hinaufgeschaut werden, der für Brecht eigentlich keine Bedeutung hat, sondern nur aus „Wolken, Luft und Winden“, wie im zweiten Gedicht deutlich wird, besteht. Der Tag ist vergangen, die finstere Nacht ist gekommen. Diese Tatsache beschreibt etwas von der Hoffnungslosigkeit, die Brecht mit seinen „Exerzitien“ ausdrücken will.

In der zweiten Strophe geht es, wie bereits erwähnt, um das Sterben. Der Mensch wird hier dem Gras und dem Tier gleichgesetzt. Es gibt am Ende keine Sonderstellung des Menschen, er besitzt gegenüber Tier und Gras keinerlei Vorteil. Brecht führt diese Tatsache auf, um zu verdeutlichen, dass auch der gläubige Mensch sterben wird, wie alle Lebewesen. Wiederauferstehung oder Ähnliches lässt er unerwähnt.

Strophe drei wirkt noch provozierender, birgt sie schließlich den Aufruf „das Aas“ zu loben und den Baum, der durch dieses Aas erst wachsen konnte, indem er es „fraß“. Im letzten Vers heißt es „Aber auch lobet den Himmel“. Wieder also der Himmel, der hier personifiziert wird. Hier ist wohl Gott gemeint, den viele Menschen im Himmel vermuten. Es ist eine Form der Ironie, dass Gott scheinbar etwas Schönes, wie hier den Baum, aus nichts anderem als Aas entstehen lässt. Brecht nimmt an der Stelle jede Vorstellung der Romantik.

Die vierte und fünfte Strophe bilden nun die endgültige Steigerung der Kritik am Glauben. Brecht provoziert, indem er dem Leser mitteilt, dass ihn im Himmel niemand kennt und sich auch niemand an ihn erinnern wird. Dies ist der komplette Gegensatz zur christlichen Vorstellung, Gott sei da, liebe alle Menschen und wache über sie. Mit „Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben“ zeigt er ebenfalls diesen Gegensatz. In der Bibel heißt es schließlich mehrfach „Gott ist dein Licht“, es wird von Wärme gesprochen und davon, dass Gott die Menschen eben gerade vor dem Verderben bewahrt, was in den Bundesschlüssen verdeutlicht wird.

Mit der Aussage „Es kommet nicht auf euch an“, nimmt er den Menschen ihre Individualität und die Besonderheit jedes einzelnen. „Und ihr könnt unbesorgt sterben“ kann sowohl positiv, als auch negativ gedeutet werden, so klingt „unbesorgt sterben können“ zunächst erleichternd, im Zusammenhang wird der Leser damit jedoch diskriminiert, da es „nicht auf [ihn] an[kommt]“.

Das Gedicht ist allgemein also sehr negativ. Es greift die christlichen Vorstellungen vom menschlichen Leben und Sterben in ironischer Weise an, indem religiöse Sprache und Ausdrücke in Zusammenhang mit gegenteiligen Vorstellungen gebracht werden.

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