Einstellungen: Einstellungsmerkmale + Einstellungskomponenten + Theorien

Einstellungen nehmen Einfluss darauf, was wir bemerken, was wir schätzen, woran wir uns erinnern und was uns zum Handeln veranlasst. Einstellungen beeinflussen also das Verhalten.

Hypothetisches Konstrukt: die Einstellung ist etwas gedanklich Konstruiertes; sie ist nicht direkt beobachtbar und dient zur Erklärung und Vorhersage von Verhalten.

Objektbezug: alles, was einen Menschen umgibt, kann Objekt einer bestimmten Einstellung sein, wie zu Personen (Lehrer), konkrete Gegenstände (Porsche), Sachverhalte (Religionen), soziale Probleme (Drogen), Verhalten (rauchen).

Erworbenheit: Einstellungen basieren auf Erfahrungen, Erziehung, Beeinflussung (durch Werbung); sie entwickeln und wandeln sich im Verlauf der individuellen Lerngeschichte.

Richtung: jede Einstellung ist positiv oder negativ ausgerichtet.

Bedeutsamkeit: Einstellungen bzw. Einstellungsobjekte können für verschiedene Personen ganz unterschiedlich bedeutsam sein (unwichtig oder sehr wichtig).

Zentrale Einstellung: wird von einer Person subjektiv als wichtig bzw. bedeutsam empfunden.

Periphere Einstellung: wird als unwichtig empfunden.

wichtig vs. unwichtig
zentral vs. peripher
stabil vs. labil
Einstellungsänderung schwierig vs. Einstellungsänderung leicht möglich
Einstellung steuert das Verhalten vs. Einstellung steuert nicht/ kaum das Verhalten

Einstellungskomponenten: Drei-Komponenten-Ansatz

  • Kognitive Komponente: bezieht sich auf Wissen, Meinungen, Überzeugungen, Ideen, Gedanken, Vermutungen, Pseudowissen über das Einstellungsobjekt.
  • Affektive Komponente: beschreibt die Gefühle, die wir einem Einstellungsobjekt gegenüber empfinden; emotionale Bewertung.
  • Konative Komponente: meint die Art, wie wir uns dem Objekt gegenüber verhalten wollen; Verhaltensabsicht.

Konsistenzprinzip

Einstellungen sind ein dauerhaftes System dreier Komponenten, die auf ein Objekt ausgerichtet sind. Es herrscht ein Streben nach Konsistenz (Gleichgewicht) zwischen

Meinungen, Gefühlen und Verhaltensabsichten. Demnach werden alle drei Komponenten übereinstimmend entweder positiv oder negativ ausgerichtet. Die Veränderung einer Komponente einer Einstellung bewirkt die Veränderung der beiden anderen Komponenten und damit der gesamten Einstellung, sie stehe in einer wechselseitigen Beziehung.

Theorien: Erwerb und Änderung von Einstellungen

  • Behavioristische Ansätze
  • Funktionale Theorien
  • Konsistenztheorien
  • Informationsverarbeitungstheorien

Behavioristische Ansätze (Erwerb bzw. Entstehung von Einstellungen)

Klassische Konditionierung: die Voraussetzung ist die bereits vorhandene Verbindung unkonditionierter Stimulus (Reiz) US und unkonditionierte Reaktion UR. Bei dem neutralen Stimulus NS folgt die Orientierungsreaktion OR (Hinwenden). Der Erwerb folgt durch die Kopplung von US und NS, daraus ergibt sich UR. Das Ergebnis ist, wenn der NS zum konditionierten Stimulus CS wird und die konditionierte Reaktion CR auslöst.

Operante Konditionierung: hierbei werden Aussagen über ein Einstellungsobjekt entweder verstärkt bzw. belohnt oder bestraft. Es werden diejenigen Einstellungen beibehalten und verfestigt, auf deren Äußerung ein angenehmer Reiz folgt. Das Gegenteil ergibt sich bei Bestrafung unerwünschter Einstellungen.

Funktionale Theorien

Einstellungsfunktionen (Resistenz): Einstellungen erfüllen bestimmte Funktionen bei der Befriedigung subjektiver Bedürfnisse. Sie helfen dem Einzelnen, sich anzupassen, seine Umwelt zu verstehen, die eigenen Wertvorstellungen zu verwirklichen und sein Selbst zu bewahren.

Nützlichkeitsfunktion (Anpassungsfunktion): Menschen streben nach positiven Erlebnissen (Belohnungen) und vermeiden negative Erfahrungen (Bestrafungen). Dies führt zu Lernprozessen, durch die Einstellungen entstehen. Eine Einstellung wird somit gelernt, aufrechterhalten bzw. geäußert, weil das Individuum persönlichen Nutzen ziehen oder unangenehme Folgen vermeiden kann. Man handelt nach der Zweckmäßigkeit und passt sich bereitwillig der jeweiligen Lage an bzw. vertritt eine Einstellung, um Vorteile daraus zu ziehen (Mitläuferproblem). Einstellungen besitzen also einen sozialen Anpassungswert.

Wissensfunktion (Orientierungsfunktion): Diese Funktion entspringt dem Bedürfnis nach Sinngebung und Vereinfachung der mehrdeutigen, oft nicht überschaubaren Lebenswirklichkeiten. Der Mensch strebt nach widerspruchsfreien Informationen. Einstellungen geben uns somit einen Orientierungsrahmen in unterschiedlichen Situationen, sie geben uns Sicherheit und Handlungsfähigkeit.

Wertausdrucksfunktion (Selbstdarstellungsfunktion): Diese Funktion betont die Bedeutung der Selbst-Entwicklung, die Aufrechterhaltung der Selbst-Identität und die Verbesserung des Selbstbildes. Eine bestimmte Einstellung wird also zur positiven Darstellung der eigenen Person eingesetzt, sie hilft, die eigenen Wertvorstellungen zu verwirklichen, dient der Selbstbestätigung, der Stärkung des Selbstbildes. Wir suchen eine Bestätigung unserer zentralen Werte, die mit unserem Selbstbild eng zusammenhängen. Andererseits bemühen wir uns, das bedrohte Selbstbild zu verteidigen.

Ich-Verteidigungsfunktion (Abwehrfunktion): Das Ich-Verteidigungssystem hilft einem Menschen, sein Selbstwertgefühl zu erhalten und zu verbessern. Einstellungen dienen dazu, unsere persönlichen Probleme zu bewältigen. So helfen sie uns mit unerfreulichen Grundtatsachen wie Krankheit, Tod, Schwäche, Unsicherheit etc. leichter fertig zu werden. Angstabwehr soll uns vor Verlust des Selbstwertgefühls bewahren. Einstellungen können uns außerdem eine Rechtfertigung für negative Gefühle wie Hass geben und zu Vorurteilen führen. vorurteile gegenüber einer sozialen Gruppe oder Minderheit werden somit als „begründet“ angesehen, der Sündenbock hilft, das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit zu überspielen. Dieser Mechanismus wird Ich-Verteidigung genannt. Das Vorurteil stellt eine Einstellung zur Ich-Verteidigung dar.

Konsistenztheorien (Änderung)

Die Konsistenztheorien gehen von der Annahme aus, dass der Mensch nach innerer Ausgeglichenheit strebt, nach Harmonie, nach einem Gleichgewicht, nach Konsistenz. Menschen versuchen Informationen so zu ordnen, dass Widersprüche vermieden werden. Falls nun Inkonsistenz eintritt, ist der Mensch darum bemüht, wieder Konsistenz herzustellen; denn Inkonsistenz erzeugt eine als unangenehm erlebte Spannung und damit eine Tendenz, erneut Konsistenz herzustellen.
Konsistenz: Gleichgewicht, Balance, Konsonanz
Inkonsistenz: Ungleichgewicht, Imbalance, Dissonanz

Theorie der kognitiven Dissonanz
Die Dissonanztheorie unterstellt, dass Personen um ein Gleichgewicht in ihrem kognitiven System bemüht sind; sie streben konsistente Beziehungen an zwischen einzelnen Kognitionen sowie zwischen Kognition und Verhalten. Kognitionen bzw. kognitive Elemente sind Einstellungen, Vorstellungen, Glaubensinhalte, Wissen, also alle möglichen Gedanken einer Person über: sich selbst, ihr eigenes Verhalten, ihre Umwelt
Kognitive Elemente stehen in unterschiedlicher Beziehung zueinander, sie können relevant oder irrelevant sein.

  • Zwei Kognitionen stehen in irrelevanten Beziehung, wenn sie zusammenhanglos nebeneinander auftreten, voneinander unabhängig sind.
  • Zwei Kognitionen stehen in relevanter Beziehung zueinander, wenn sie inhaltlich etwas miteinander zu tun haben. Die Beziehung ist konsonant, wenn das eine kognitive Element aus dem anderen folgt.
  • Dissonanz besteht zwischen zwei Kognitionen, wenn die zwei Elemente einander widersprechen.

Wenn derartige dissonante Beziehungen vorhanden sind, entsteht dadurch ein unangenehmer Spannungszustand, die kognitive Dissonanz. Dieser Zustand erzeugt Druck in Richtung auf Verminderung der Dissonanz d.h. Abschaffung dieses Spannungszustandes.

Beim Bemühen, dissonante Beziehungen (Widerspruch) in konsonante umzuwandeln (Dissonanz zu verringern bzw. zu beseitigen), sind drei Strategien möglich:
1. Strategie: Veränderung kognitiver Elemente
2. Strategie: Hinzufügen neuer kognitiver Elemente
3. Strategie: Änderung des Verhaltens

Theorien der Informationsverarbeitung (Erwerb und Änderung)

Der Mensch nimmt Informationen auf und verarbeitet sie, indem er wahrnimmt, denkt, verbalisiert, speichert, Vorstellungen entwickelt usw. Aus verarbeiteter Information entsteht Wissen. Lernen kann definiert werden als Wissenserwerb durch kognitive Informationsverarbeitung.

Einstellungsbildung und -änderung werden als aktive, kognitive Prozesse angesehen. Neue Informationen lösen demnach bei den Empfängern der Botschaft kognitive Prozesse aus.

Einstellungserwerb: Einstellungen werden in den meisten Fällen über Beobachtung, Instruktion und selbstvertretend gelernt, d.h.
– durch Beobachtung des Verhaltens anderer Menschen sowie der Konsequenzen, die das Verhalten für sie hat
– dadurch, dass die Konsequenzen möglicher Handlungsalternativen in überredender bzw. überzeugender Kommunikation beschrieben werden

Kreative Modellierung: Hierbei werden die Einflüsse mehrerer Modelle (Eltern, Freunde, Lehrer, Politiker, Zeitung) von Lernenden bzw. Beobachtern zusammengefügt. Informationen werden so umstrukturiert, dass eine neue Einstellung entsteht.

Einstellungsänderung: Beim Einstellungswandel unterscheidet man zwischen kongruenten (übereinstimmenden) und inkongruenten (nicht übereinstimmenden) Änderungen.

  • Kongruente Einstellungsänderung: wenn eine bestehende Einstellung im gleichen Bereich (positiven oder negativen) verstärkt bzw. abgeschwächt wird (wichtiger, zentraler).
  • Inkongruente Einstellungsänderung: wenn sich die Einstellung in entgegengesetzter Richtung ändert, also vom positiven zum negativen Bereich – oder umgekehrt (Richtungsänderung).

Zwei-Wege-Modell: Danach können Einstellungen entweder über den zentralen oder den peripheren Weg der Informationsverarbeitung gebildet bzw. verändert werden. Beide Wege können zur Einstellungsbildung und -änderung führen, haben aber verschiedene Ursachen bzw. Bedingungen und unterschiedliche Wirkungen. Ob der periphere oder der zentrale Weg eingeschlagen wird, hängt von der Motivation und der Fähigkeit (kognitive Kompetenz: Intelligenz, Wissen, Denkvermögen) des Rezipienten ab, sich mit der Botschaft auseinanderzusetzen.

  • Zentraler Weg: bei vorhandener Motivation d.h. die Information muss für die betreffende Person nützlich bzw. interessant oder wichtig sein; vorhandene Fähigkeit zur Informationsverarbeitung (Intelligenz, spezifisches Wissen, Zeit); keine Ablenkung
  • Peripherer Weg: bei geringer oder fehlende Motivation d.h. die Information oder das Einstellungsobjekt ist uninteressant oder unwichtig; geringe geistige Fähigkeiten; Ablenkung (z.B. durch Lärm) oder Zeitdruck

Bumerangeffekt: wenn eine Person motiviert und fähig ist, einer Mitteilung Aufmerksamkeit zu schenken, aber daran gehindert ist, aufmerksam zu sein und die Botschaft zu verstehen (z.B. schwache, widersprüchliche Argumente, unklarer Aufbau). Im Rahmen des zentralen Weges ruft eine derartige Situation beim Rezipienten vorwiegend Widerstand und Ablehnung hervor. Solche Informationen verursachen negative Gedanken, es tritt ein Bumerangeffekt auf, d.h. es ergibt sich eine Einstellungsänderung entgegen der vom Sender beabsichtigten Richtung.

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