Sturm und Drang – Epoche in der Übersicht

Die Epoche des “Sturm und Drang” ist eng mit der Zeit der Aufklärung verbunden. Zahlreiche Monarchien wandelten sich in dieser Zeit und begannen mit kleinen Reformen. Obwohl sich im alltäglichen Leben der Menschen etwas zu verändern begann, waren die Vertreter des “Sturm und Drang” ungeduldig mit dem Tempo der Veränderungen und kritisierten die sozialen Lebensumstände der Menschen. Obwohl die jungen Dichter der Gesellschaft kritisch gegenüber standen, riefen sie nicht dazu auf, die Zustände politisch zu ändern. Sie konnte man also nicht als Revolutionäre betrachten.

Die Epoche des “Sturm und Drang” gibt es nur in der deutschen Literatur. Obwohl sich deren Vertreter auf englische und französische Vorbilder bezogen, drangen ihre Ansichten über die neue Theaterform nicht nach Europa vor. Die Epoche dauerte etwa zwanzig Jahre und deshalb können nur wenige Dichter ihr zugeordnet werden.

Während der bisherigen Epochen hatte es immer wieder Verbindungen zwischen der Kunst, der Literatur und der Musik gegeben. Die neue Ästhetik des “Sturm und Drang” blieb aber auf die Literatur und die Philosophie begrenzt.

Nur ein übersichtlicher Personenkreis kann dieser Epoche zugeordnet werden. Merck, Herder, Goethe, Lenz und Klinger waren die Vertreter des neuen Literaturverständnisses. Am Ende zählte auch Schiller dazu. Zahlreiche deutsche Dichter identifizierten sich zeitweise mit dem “Sturm und Drang”, doch ihre Wege führten bald in andere Gefilde. Die “Frankfurter Gelehrten Anzeigen” wurde zum Forum der literarischen Diskussionen, die vor allem Goethe, Herder und Merck bestritten, sehr zum Unwillen des Verlegers Nicolai, der den Dichtern vorwarf, nicht für die breite Öffentlichkeit zu schreiben. Wieland beurteilte die engagierten Freunde Goethes als Sekte.

Der große Erfolg der neuen Dramen brachte den Dichtern aber keinen finanziellen Gewinn. Außer Goethe, der einem wohlhabenden Elternhaus entstammte, mussten die “Stürmer und Dränger” einen Beruf ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Es gab in dieser Zeit noch kein Urheberrecht. Jeder Verlag durfte drucken, was er wollte und brauchte Autoren nicht bezahlen. Die finanzielle Notlage der Dichter und ihre Abhängigkeit von kirchlichen bzw. fürstlichen Arbeitgeber sollte Einfluss auf ihre Werke haben.

Die Literaturwissenschaftler versuchten in den letzten zweihundert Jahren immer wieder den “Sturm und Drang” historisch einzuordnen. Folgte diese kurze Epoche eigentlich der Aufklärung und löste diese ab? Andererseits überschnitten sich die Dauer von Aufklärung und Sturm. War der “Sturm und Drang” also nur ein Teil der Aufklärung?

Einzelne Literaturwissenschaftler sahen in den Frühwerken Goethes und seiner Zeitgenossen nur eine Vorstufe der Klassik. Sie betrachteten diesen Zeitraum als ein literarisches “Austoben”. Erst die Werke der Klassik fanden bei ihnen Hochachtung. Diese so genannte “Klassik-Legende”, die den “Sturm und Drang” abwertete wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg von prominenten Wissenschaftlern vertreten.

Herder gehört mit seiner Schrift “Fragmente über die neuere deutsche Literatur”, die 1767 erschien, zu den Begründern des “Sturm und Drang”. Schillers “Kabale und Liebe” setzt 1786 den Schlusspunkt der Epoche.

Die Bezeichnung “Sturm und Drang” wurde dem Schauspiel “Wirrwarr” von Friedrich Maximilian Klinger entlehnt. Dieser Titel wurde 1776 in “Sturm und Drang” geändert. In diesem Drama begehrt ein junger Mann gegen die Vorstellungen der Väter auf und wird damit zum Sinnbild anderer Dichter dieser Zeit. Literarisch gesehen gehörte das Theaterstück aber nicht zu den herausragenden Werken dieser Epoche.

Die Vertreter des “Sturm und Drang” zweifelten an den Vorstellungen der älteren Generation. Sie waren der Ansicht, dass die in der Aufklärung gepriesene menschliche Vernunft nicht das einzige Merkmal des Lebens sei. Das Individuum mit seinen eigenen Emotionen wurde bei den neuen Dichtern in den Mittelpunkt ihrer Werke gestellt. Dazu kam die Begeisterung für die Natur, die Liebe und die Freundschaft.
Die Betonung des Heimatgefühls war den Dichtern ebenso wichtig. Geschichtliche Themen und die deutsche Sprache standen in den Texten der jungen Generation im Vordergrund.

Der Franzose Jean-Jacques Rousseau war für sie ein Vorbild. Rousseaus Parole “Zurück zur Natur” galt ihnen als Programm.

Das Erlebnis der Natur und die dabei empfundenen Gefühle und Gedanken gehörten prägend zur neuen Literatur in Deutschland. Vorläufer für die Naturbegeisterung war Klopstock, der immer wieder von seinen Wanderungen schwärmerisch geschrieben hatte. Während seiner Ausflüge empfand Klopstock Freude und Inspiration. Die unter diesen Eindrücken entstandenen Gedichte bezeugten eine tiefgehende Gläubigkeit Klopstocks.

Die starke Hinwendung zum Glauben übernahmen die Stürmer und Dränger nicht von Klopstock. Goethe und Herder bewegten sich häufig in der freien Natur und empfingen hier neue Kräfte und Einsichten für ihr literarisches Schaffen. Herder, der mit den Werken Homers und Ossians wanderte, entdeckte in der natürlichen Umgebung Merkmale der deutschen Heimat.

In dieser Zeit entwickelte sich auch der so genannte “Genie-Kult”. Das große Vorbild dafür war William Shakespeare und seine Dramen. Christoph Martin Wieland war mit seinen Shakespeare-Übersetzungen einer der Auslöser dieser Begeisterung. Großen Einfluss hatten die “Ossianischen Dichtungen”, die ab 1760 in England erschienen waren. John McPherson war der zunächst unbekannte Verfasser der schottischen Geschichten, die die Natur und die nordische Mythologie verherrlichten. McPherson gaukelte seinem Publikum vor, dass ein geheimnisvoller Ossian die Erzählungen geschrieben habe.

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg gehörte zu den Dichtern, die “Ossians” Werk verehrten. Sein “Gedicht eines Skalden” schrieb er in der Folge dieses Werkes.

Die Vorstellungen der jungen Dichter wurde in ihren Dramen umgesetzt. Hier formulierten sie ihre Rebellion gegen die Traditionen und ihren Freiheitsdrang. Daneben beherrschte die Schilderung von Naturerlebnissen die deutsche Lyrik dieser Zeit.

Im Roman entdeckte man die Persönlichkeit der Protagonisten und legte Wert auf sehr private Gefühle. Der Mensch mit seinem ganzen Wesen wurde jetzt entdeckt. Der Briefroman und die Autobiographie entstanden als Folge der sehr subjektiven Darstellungsweise.

Johann Georg Hamann gilt als eigentlicher Begründer der neuen Literatur-Richtung. Sein Schüler Herder übernahm dessen “Genie-Begriff” und stellte den Menschen als Individuum dar. Herder sah auch die Kultur eines Volkes als einzigartig an und betrachtete sie als gleichberechtigt an. Trotzdem war er der Meinung, dass man andere Kulturen nicht als Vorbild nehmen sollte.

Neben den grundlegenden Beiträgen von Hamann, Herder und Kant veröffentlichten auch Zeitschriften wie “Iris” und “Die deutsche Chronik” wegweisende Artikel.

In Straßburg lernten sich 1770 Herder und Goethe kennen. Der junge Goethe war von Herders Vorstellungen sehr angetan und beschäftigte sich deshalb mit der Geschichte der deutschen Kultur. Die Geschichte des deutschen Mittelalters, dessen Baukunst und Volkspoesie fanden sich später in den Werken Goethes wieder.

In dieser Zeit entstanden “Götz von Berlichingen”, “Die Leiden des jungen Werthers” und die Gedichte “Prometheus”, “Wanderers Sturmlied” u.a.

Das Drama war die Darstellungsform des “Sturm und Drang”. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen, die in der Zeit der Aufklärung begonnen hatte, wurde von den jungen Dichtern fortgesetzt und verschärft. Die Freiheit des Menschen wurde thematisiert. Sie sahen in den Bühnenwerken Shakespeares Vorbilder für ihre eigenen Dramen.

Damit brachen sie die vorherrschenden Konventionen des Theaters. Die Szenenfolge war jetzt schneller, die Sprache volkstümlicher. Neue Wörter, oft vulgär, fanden den Weg auf die Bühne.

Der Mensch mit seinen Empfindungen war das Motiv für die Lyrik des “Sturm und Drang”. Die Dichter experimentierten auch hier mit dem Vers. Es gab für sie nicht mehr feste Regeln für die Versform und den Strophenaufbau. Es entstanden in dieser Epoche bedeutende Gedichte der Liebeslyrik. Die Ballade erlebte eine Blütezeit.

Der Roman mit seiner Schilderung der Empfindsamkeit seiner Personen fand in Goethes “Werther” einen ersten Glanzpunkt. Neben Werther erlangten auch weitere autobiographische Romane Anerkennung. Johann Heinrich Jung-Stilling schrieb 1777 “Heinrich Stillers Jugend”, und Karl Philipp Moritz fand mit “Anton Reiser” große Beachtung.

Literatur:

Dieter Borchmeyer:
Goethe
Köln: DuMont Literatur und Kunstverlag 2005
Schnellkurs Goethe.)

Claus J. Gigl:
Deutsche Literaturgeschichte
Freising: Stark 1999
(Abitur-Wissen Deutsch.)

Andreas Huyssen:
Drama des Sturm und Drang; Kommentar zu einer Epoche
München: Winkler 1980

Roy Pascal:
Der Sturm und Drang. 2. Aufl.
Stuttgart: Kröner 1977
(Kröners Taschenausgabe; 335.)

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