Bertolt Brecht – Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui || Zusammenfassung & Aufbau

Gliederung:
1. Bertolt Brecht
2. Das Epische Theater
3. Entstehung des Dramas
4. Inhalt und Aufbau des Dramas
5. Literarische Form und Interpretation

1. Bertholt Brecht

Bertolt Brecht (1898 – 1956) wurde am 10. Februar 1898 als Eugen Berthold Friedrich Brecht in Augsburg geboren.
„Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern“. Sein unsystematisches Studium der Naturwissenschaften, der Medizin und vor allem der Literatur wurde 1918 durch seinen Dienst als Sanitätssoldat in einem Lazarett unterbrochen, eine Zeit, die ihn zum erbitterten Kriegsgegner machte. In diesem Jahr schrieb er sein erstes Drama „Baal“, dem neben Theaterkritiken und Kurzgeschichten weitere Theaterstücke

Bertolt Brecht – Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Bertolt Brecht – Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

folgten. „Baal“ wurde 1922 an den Münchner Kammerspielen – bei denen Brecht als Dramaturg wirkte – uraufgeführt und begründete seinen Ruf als Dramatiker. Die Titelfigur Baal ist ein anarchischer, Branntwein und Frauen konsumierender „Dichter“, der, wie auch Brecht selbst, Balladen und Moritaten in Kneipen vorträgt. 1924-26 war Brecht Dramaturg bei Max Reinhardt in Berlin und studierte gleichzeitig intensiv den Marxismus. 1927 wurde „Mann ist Mann“ uraufgeführt und seine erste Gedichtsammlung „Hauspostille“ herausgegeben.

1928 gelang ihm mit der von Kurt Weill vertonten „Dreigroschenoper“ ein Welterfolg. In den „Anmerkungen“ zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ formulierte Brecht 1928 erstmals seine Vorstellungen vom „epischen Theater“, in welchem den Zuschauern keine illusionär-geschlossenen Bühnenwelten mehr geboten werden sollten, sondern Konflikte, die sie aktiv durchdenken sollten. Dem gleichen Zweck dienten eine Reihe von didaktischen „Lehrstücken“, die zur Aufführung außerhalb des traditionellen Theaterbetriebs für Arbeiter bzw. ein nicht-bürgerliches Publikum gedacht waren.
Im Jahre 1933 nach der Machtübernahme von Adolf Hitler, am Tage nach dem Reichstagsbrand begann Brechts Weg ins Exil. Seine Stücke waren verboten worden und 1935 wurde ihm auch die Staatsbürgerschaft entzogen. So begann Brechts lange Reise mit vielen Stationen: Zuerst über Prag und Paris nach Dänemark, dann über Schweden (1939) nach Finnland (1940) (Dort schrieb er sein Anti-NS Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturio Ui“ unter Mitarbeit von Margarete Steffin) und schließlich im Jahre 1941 über Moskau und Wladiwostok in die USA, in welcher er sich mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, in Californien niederließ in der Hoffnung auf Arbeit bei einem Filmstudio als Autor.
Brecht verließ die Vereinigten Staaten im Jahre 1947 am Tag nachdem er sich einem Verhör durch das „Committee for Un-American Activities“ hatte unterziehen müssen, das viele andere nicht-amerikanische, aber auch bekannte US-amerikanische Künstler traf. Brecht hatte sich wegen vermuteter kommunistischer Kontakte und Aktivitäten zu verantworten.

Die Jahres des Exils waren Brechts fruchtbarste Schaffensperiode. Es entstanden so großartige Dramen wie „Das Leben des Galilei“ (1938), „Mutter Courage und ihre Kinder“ (1939) oder „Der kaukasische Kreidekreis“ (1944/45). Doch seine Texte blieben ungedruckt und unaufgeführt, einzig der „Galilei“ wurde in den USA aufgeführt, zu einem Zeitpunkt jedoch, da Brecht schon wieder nach Europa zurückgekehrt war.

Ohne Pass, ohne Verleger und mit wenig Geld hielt er sich zuerst in Zürich auf. Da ihm die Alliierten die Einreise in die Westzonen verweigerten, ging er schließlich nach Ost-Berlin, in welchem er mit seiner Frau 1949 das „Berliner Ensemble“ gründete, das ab 1954 im „Theater am Schiffbauerdamm“ zu einer der wichtigsten Experimentierbühnen Europas heran wuchs. Im „Berliner Ensemble“ kamen dann endlich die „Mutter Courage“ und andere Brecht-Stücke zur Aufführung. In seinen letzten Lebensjahren in Ost-Berlin schrieb er kein einziges Stück mehr, sondern widmete sich der Verwaltung seines „Nachlasses“ und der sorgfältigen Inszenierung seiner Stücke. Zu seinen letzten Inszenierungen gehörte „Das Leben des Galilei“, dessen Aufführung am Schiffbauerdamm er aber nicht mehr erlebte. Er starb am 14. August 1956 in Berlin.

2. Das epische Theater

Austeilen und Bearbeiten der Arbeitsblätter zum Epischen Theater
Quellenarbeit: Zum Epischen Theater

„Die Einfühlung ist das große Kunstmittel einer Epoche, in der der Mensch die Variable, seine Umwelt die Konstante ist. Einfühlen kann man sich nur in den Menschen, der seines Schicksals Sterne in der eigenen Brust trägt, ungleich uns. Es ist nicht schwer, einzusehen, daß das Aufgeben der Einfühlung für das Theater eine riesige Entscheidung, vielleicht das größte aller denkbaren Experimente bedeuten würde. Die Menschen gehen ins Theater, um mitgerissen, gebannt, beeindruckt, erhoben, entsetzt, ergriffen, gespannt, befreit, zerstreut, erlöst, in Schwung gebracht, aus ihrer eigenen Zeit entführt, mit Illusionen versehen zu werden. All dies ist so selbstverständlich, daß die Kunst geradezu damit definiert wird, daß sie befreit, mitreißt, erhebt und so weiter. Sie ist gar keine Kunst, wenn sie das nicht tut.

Die Frage lautet also: Ist Kunstgenuß überhaupt möglich ohne Einfühlung oder jedenfalls auf einer andern Basis als der Einfühlung? Was konnte eine solche neue Basis abgeben?

Was konnte an die Stelle von ‚Furcht‘ und ‚Mitleid‘ gesetzt werden, des klassischen Zwiegespanns[…]
Ich kann die neue Technik des Dramenbaus, des Bühnenbaus und der Schauspielweise, mit der wir Versuche anstellten, hier nicht beschreiben. Das Prinzip besteht darin, anstelle der Einfühlung die Verfremdung herbeizuführen.“ (Bertolt Brecht: Über experimentelles Theater, S. 300f.)

1. Woher kennen Sie bereits die Begriffe der Dramentheorie „Furcht“ und „Mitleid“?

2. Was soll die klassische „Einfühlung“ laut Brecht ersetzen?

Was ist Verfremdung?

Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen. Nehmen wir […] den Zorn des Lear über die Undankbarkeit seiner Töchter. Vermittels der Einfühlungstechnik kann der Schauspieler diesen Zorn so darstellen, daß der Zuschauer ihn für die natürlichste Sache der Welt ansieht, daß er sich gar nicht vorstellen kann, wie Lear nicht zornig werden könnte, daß er mit Lear völlig solidarisch ist, ganz und gar mit ihm mitfühlt, selber in Zorn verfällt. Vermittels der Verfremdungstechnik hingegen stellt der Schauspieler diesen Learschen Zorn so dar, daß der Zuschauer über ihn staunen kann, daß er sich noch andere Reaktionen des Lear vorstellen kann als gerade die des Zornes. Die Haltung des Lear wird verfremdet, das heißt, sie wird als eigentümlich, auffallend, bemerkenswert dargestellt, als gesellschaftliches Phänomen, das nicht selbstverständlich ist.
Was ist damit gewonnen? Damit ist gewonnen, daß der Zuschauer die Menschen auf der Bühne nicht mehr als ganz unänderbare, unbeeinflußbare, ihrem Schicksal hilflos ausgelieferte dargestellt sieht. Er sieht: Dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist. Er ist aber nicht nur so vorstellbar, wie er ist, sondern auch anders, so wie er sein könnte, und auch die Verhältnisse sind anders vorstellbar, als sie sind. Damit ist gewonnen, daß der Zuschauer im Theater eine neue Haltung bekommt. Er bekommt den Abbildern der Menschenwelt auf der Bühne gegenüber jetzt dieselbe Haltung, die er als Mensch dieses Jahrhunderts der Natur gegenüber hat. Er wird auch im Theater empfangen als der große Änderer, der in die Naturprozesse und die gesellschaftlichen Prozesse einzugreifen vermag, der die Welt nicht mehr hinnimmt, sondern sie meistert. Das Theater versucht nicht mehr, ihn besoffen zu machen, ihn mit Illusionen auszustatten, ihn die Welt vergessen zu machen, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen. Das Theater legt ihm nunmehr die Welt vor zum Zugriff.“ (Bertolt Brecht: Über experimentelles Theater, S. 301ff.)

3.) Wie wird im Text „Verfremdung“ definiert? Markieren Sie bitte die betroffene Textstelle.

4.) Welchen Zweck erfüllt die „Verfremdung“?

5.) Wie könnten Ihrer Meinung nach Verfremdungseffekte im Theater realisiert werden?

6.) Spielen Sie in der Klasse die erwähnte Szene aus König Lear von Shakespeare nach und probieren Sie dabei ihre eigenen Verfremdungsideen von der vorherigen Aufgabe aus.
Welche Wirkung haben diese auf Sie? Welche wirken besser, welche weniger gut?

„Von keiner Seite wurde es dem Zuschauer weiterhin ermöglicht, durch einfach Einfühlung in dramatische Personen sich kritiklos (und praktisch folgenlos) Erlebnissen hinzugeben. Die Darstellung setzte die Stoffe und Vorgänge einem Entfremdungsprozeß aus. Es war die Entfremdung, welche nötig ist, damit verstanden werden kann. Bei allem ‚Selbstverständlichen‘ wird auf das Verstehen einfach verzichtet. […]

Der Zuschauer des dramatischen Theaters sagt: Ja, das habe ich auch schon gefühlt. – So bin ich. – Das ist natürlich. – Das wird immer so sein. – Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es keinen Ausweg für ihn gibt. – Das ist große Kunst: da ist alles selbstverständlich. – Ich weine mit den Weinenden, ich lache mit den Lachenden.
Der Zuschauer des epischen Theaters sagt: Das hätte ich nicht gedacht. – So darf man es nicht machen. – Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. – Das muß aufhören. – Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es doch einen Ausweg für ihn gäbe. – Ich lache mit den Weinenden, ich weine über den Lachenden.“ (Bertolt Brecht: Das epische Theater, S. 54f.)

3. Entstehung von „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“

Die Tür
Auf der Flucht vor meinen Landsleuten
Bin ich nun nach Finnland gelangt. Freunde
Die ich gestern nicht kannte, stellten ein paar Betten
In saubere Zimmer. Im Lautsprecher
Höre ich die Siegesmeldungen des Abschaums. Neugierig
Betrachte ich die Karte des Erdteils. Hoch oben in Lappland
Nach dem Nördlichen Eismeer zu
Sehe ich noch eine kleine Tür.

  • Das Drama entstand in wenigen Wochen im Exil in Finnland.
  • Brecht hatte sich dem Kampf gegen den Faschismus verschrieben
  • Brecht war inspiriert von Gangsterkriegen, die er bei seinem USA Besuch 1935 erlebt hatte
  • In Amerika im Bandenwesen erkannte Brecht 1935 Verquickung von Politik, Wirtschaft und Verbrechen, sowie ein führerzentrierter Aufbau und zog Parallelen zum Aufstieg Hitlers.
  • Arturo Ui stellt eine Verknüpfung der Lebensläufe von Hitler und Al Capone, einem Gangster, der sich gleichzeitig als anständiger Geschäftsmann präsentierte, dar. In ihrer Parallelität kann Brecht die kriminelle Seite des Faschismus aufzeigen.

4. Inhalt und Aufbau

Der Ansager (Prolog)
Die Gangster Die Bürger
– Arturo Ui, der Gangsterchef
– Ernesto Roma, Gangster
– Emanuele Giri, Gangster
– Guiseppe Givola, Gangster und Bluemnhändler
– Der junge Inna, Vetrauter von Roma
– Gunmänner, d.h. Kampftruppen
– Dockdaisy, eien Gangsterbraut
– Leibwächter Arturo Uis
– Ein Schauspieler
– Bowl, ehemaliger Kassierer bei Sheet, ein Überläufer (später ermordet) Geschäftsleute des Karfioltrusts
– Flake
– Caruther
– Butcher
– Mulberry
– Clark
– Sheet, Reedereibesitzer (Später ermordet)

Weitere Geschäftsleute aus Chigago
– Der alte Dogsborough, der sich vom Karfioltrust korrumpieren lässt
– Der junge Dogsborough, der seinen Vater unterstützt
– Hook, Gemüsegroßhändler, wird terrorisiert und erpresst weitere Grünzeughändler
Bürger Chigagos
– Goodwill, Vertreter der Stadtverwaltung
– Gaffles, Vetreter der Stadtverwaltung
– O’Casey, Untersuchungsbeauftragter für die Kaianlagen
Das Gericht im Speicherbrandprozess
– Der Angeklagte Fish
– Der Ankläger
– Der Verteidiger
– Der Richter
– Der Arzt
Die Presse
– Ted Ragg, Reporter der Star
– Weitere Zeitungsreporter
Geschäftsleute aus Cicero
– Ignatius Dullfeet (Später ermordet)
– Betty Dullfeet, Gemüsehändlerin, seine Frau
– Weitere Grünzeughändler
Epilog

Inhalt – Zusammenfassung

Die Anführer des Karfioltrusts ( Ein Konzern mit Mmonopolstellung im Blumenkohl-, d.h. im Gemüsehandel) treffen sich, um zu beraten, wie sie aus der Absatzkrise des Karfiolgeschäfts herauskommen. Es ist die Rede von Arturo Ui, der angeboten hat, ihr Geschäft durch Gewalt und Drohungen anzukurbeln. Der Trust lehnt Uis Hilfe einstimmig ab und erhofft sich eine Stadtanleihe für Kaianlagen von dem angesehenen Politiker Dogsborough. Dieser durchschaut jedoch, dass der Karfioltrust nicht vorhat, die Kaianlagen zu bauen und lehnt den Antrag ab. Butcher und Flake planen daraufhin eine Intrige gegen Dogsborough.
Flake kann den Reedereibesitzer Sheet davon überzeugen, seine Reederei billig an den Karfioltrust zu verkaufen, welche um einen Spottpreis an den zunächst unwilligen aber letztlich begeisterten Dogsborough weiterverkauft wird. Durch den Erwerb der Reederei wird nun Dogsborough ein Mitglied des Trusts und setzt deswegen nun doch eine Stadtanleihe für den Bau von Kaianlagen durch. Die Mitglieder des Karfioltrusts, Dogsborough eingeschlossen, verbrauchen die Anleihe ohne Kaianlagen zu bauen und veruntreuen so die städtischen Gelder.
Arturo Ui steht kurz vor der Verzweiflung, weil er den Gemüsehandel der Stadt Chicago gerne unter seiner Gewalt hätte. Sein Leutnant Roma schlägt vor, mit Gewalt die Gemüseläden dazu zu zwingen, Schutzgeld an Ui zu zahlen. Ui hat jedoch Angst vor der Polizei und lehnt ab. Ui erfährt von der Veruntreuung der Stadtanleihe durch Dogsborough und erpresst diesen mit der Drohung, den Skandal aufzudecken. Er fordert, Dogsborough solle vor der Stadt für ihn bürgen damit Ui die Polizei nicht fürchten muss.
Es wird eine Untersuchung gegen Dogsborough beantragt. Um ihn zu decken, entschließt sich der Trust, dass Sheet die Folgen des Skandals auf sich nehmen soll. Sheet wird tot aufgefunden, der Anklagevertreter O’Casey schöpft Verdacht und möchte genau über die Besitzverhältnisse der Reederei Bescheid wissen. O’Casey möchte nun von Bowl, dem alten Prokuristen von Sheet, mehr über die Besitzverhältnisse erfahren. Dieser wird jedoch auf dem Weg zum Gericht erschossen.
Arturo Ui trifft sich mit einem Schauspieler, der ihm beibringen soll, wie man zu einer großen Menge von Leuten redet und auch auf diese eine gute Wirkung erzielt. Ui trifft sich weiterhin mit einigen Gemüsehändlern und bietet ihnen seinen Schutz an. Hook, ein Gemüsehändler, kritisiert Ui. Wenig später wird verkündet, dass der Speicher von Hook brennt. Es ist offensichtlich, dass Uis Männer den Brand legten. Die anderen Gemüsehändler stimmen dem Schutzangebot von Ui zu. Aufgrund des Brandes kommt es zum Speicherbrandprozess, in dem Ui und seine Leute belastet werden. Die Anklage kann jedoch nicht gehalten werden, Ui hat bereits alle Zeugen eingeschüchtert und die Presse unter seine Gewalt gebracht, ein gewisser Fish wird schlließlich zu 15 Jahren Haft verurteilt. Dogsborough verfasst sein Testament, in dem er Ui, Roma, Giri und Givola der Brandstiftung und des Mordes beschuldigt.
Es treten nun Machtkämpfe unter den Leuten Uis auf, Roma bedroht Givola und Giri mit einer Waffe und fordert Ui auf, die Machtverhältnisse zu klären. Ui sieht sich als Führer und verweist auf neue Pläne, er möchte seinen Einfluss auf Cicero ausdehnen. Uis Vertrauter Roma befürchtet ein Komplott gegen ihn, er verabredet sich mit Ui in der Garage des Hotels, in dem Ui residiert. Roma und seine Männer warten in der Garage auf Ui, der erscheint um Roma umzubringen, da er ihm im Weg steht. Roma wird erschossen, selbst im Tod erkennt er nicht, dass Ui ihn verraten hat. Seine Gefolgsleute werden ebenfalls liquidiert.
Ui trifft sich mit Betty und Ignatius Dullfeet, er möchte das Vertrauen von Dullfeet bekommen. Ignatius Dullfeet tritt aber für die Freiheit von Cicero ein, verschleiert kommt es bei dem Gespräch auch durch, dass Dullfeet ermordet werden soll. Letztendlich wird Dullfeet ermordet, der Trust ist damit nicht einverstanden. Ui möchte nun Betty Dullfeet zu einer Zusammenarbeit überreden, sie lehnt jedoch eine Kooperation ab. Es entsteht Empörung der Gemüsehändler Chicagos und Ciceros gegen Ui und sein Vorgehen. Betty Dullfeet, in Verzweiflung versunken, hat sich nun doch von Ui zu einer Zusammenarbeit überreden lassen. Ui gibt sich in einer Rede selbst als Nachfolger Dullfeets aus und möchte Cicero nun endlich unter seinen Schutz nehmen. Er kündigt eine Volksabstimmung an, in der die Leute Ciceros über die Freiheit ihres Gebiets selbst bestimmen können. Arturo Ui droht zugleich auch allen Personen, die sich gegen ihn entscheiden. Durch die Drohungen stimmen die Bewohner von Cicero für ihn.
Aus einem zerschossenen Lkw klettert eine Frau verletzt heraus, sie schimpft über Ui und seine Gefolgsleute und beschuldigt sie des Mordes. Sie wird niedergeschossen. Im Epilog lehrt Brecht: „Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert. […] Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Aufbau

  • Das Drama besteht aus 17 Szenen oder Bildern, eingerahmt von einem Prolog und Epilog
  • Zeitsprünge, Ortswechsel, Vielzahl an Figuren, Ereignisse zwischen Szenen werden ausgespart z.B. Morde an Dullfeet und Sheet.
  • Dies entspricht somit einer offenen Form des Dramas, die Zuschauer aktive Teilnahme abverlangt.
  • Kontinuität auf der Ebene der Zeitgeschichte ( Es gibt Schrifteinbledungen am Ende jeder Szene, welche die Spielhandlung, mit den Ereignissen der Jahre 1929 bis 1938 in Deutschland in Beziehung setzen.

Das Drama – Die historischen Bezüge

  • Szene 1-3: Ui in Wartestellung (indirekte Exposition) Hitlers Strategie der „legalen“ Revolution, nachdem der gewaltsame Putschversuch 1923 gescheitert ist
  • Szene 4-6 Ui im Geschäft Das Bündnis der konservativen Kräfte und der Wirtschaft mit Hitler
  • Szene 7-8: Ui übernimmt die Führung Übernahme der Führung durch Hitler und Ausschaltung der Opposition
  • Szene 9-12: Uis Geschäftgebaren Abschaffung demokratischer Freiheitenund Ausschaltung innerparteilicher Gegner
  • Szene 13-17: Uis expansives Vorgehen Festigung der Macht durch imperialistische Expansion (Einmarsch in Österreich)

5. Literarische Form und Interpretation

Das Drama wird häufig als Parabelstück (ein zur selbständigen Handlung erweiterter Vergleich) bezeichnet, auch wenn Brecht es selbst eine „historienfarce“ nannte.

Eindeutig ist das Drama dem Epischen Theater zuzuordnen. Es möchte durch Verhüllung die Enthüllung. Dies wird durch Verfremdungseffekte erreicht.

Die zwei wichtigsten Verfremdungsmittel im Drama sind das Gangstermilieu und der „Große Stil“ und bilden eine Doppelverfremdung. Mit dem „großen Stil“ ist die Sprache der Gangster gemeint. Es wird der Gestus der klassischen Tragödie mit fünffüßigen, oft aber holprige Jamben, aufgegriffen. Die Gangster imitieren die klassischen Dramenfiguren. Ein starker Kontrast entsteht. Die Gangster und ihre Sprache wollen nicht so recht zusammen passen.

Identifikation wird verhindert und Interpretation ermöglicht. Durch den parabolischen Charakter des Dramas werden damit die NS-Verbrecher der Lächerlichkeit preisgegeben und „der übliche gefahrvolle Respekt vor den großen Tötern“ zerstört. Außerdem wird die Theatralik der NS-Rhetorik karikiert.

Hitler wird hierdurch zum Hampelmann degradiert, der den „großen Mann nur spielt“

Verdammte Zeiten! ’s ist, als ob Chicago
Das gute alte Mädchen, auf dem Weg
Zum morgendlichen Milchkauf in der Tasche
Ein Loch entdeckt hätt und im Rinnstein jetzt
Nach ihren Cents sucht. / Letzten Donnerstag (…) (S.10)

Weitere Mittel der Verfremdung der Verfremdung stellen die Übernahmen aus Werken anderer dar. Brecht baut Zitate aus Dramen Schillers ein oder verfremdet ganze berühmte Szenen. Beispielsweise benutzt er die Gartenszene aus Faust I von Goethe.

Der Zuschauer bemerkt die parallelen und Unterschiede und wird dadurch zum Nachdenken angeregt.

Auch der Titel zeigt den fürs Epische Theater lehrhaften Charakter: Der Aufstieg Arturo Uis
ist „aufhaltsam“

Der Epilog zieht die Lehre: „Ihr aber lernt, wie man sieht statt stiert“ … „Und handelt, statt zu reden noch und noch“

Schlussworte des Dramas:
So was hätt einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Daß keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch (Aus seiner Kriegsfibel)

Schlüsselszenen:

Schauspielerszene: Kritik an NS-Propaganda und Rhetorik
Speicherbrandprozess: Entlarvung von Rechtsbruch und brutaler Unterdrückung

Parallelen zu Personen aus der Zeitgeschichte:

Dogsborough = Hindenburg
Arturo Ui = Adolf Hitler
Giri = Göring
Roma = Röhm
Dullfeet = Dollfuß
karfioltrust = junker und Industrie
gangster = faschisten
dockshilfeskandal = osthilfeskandal
speicherbrandprozess = reichstagsbrandprozess
Chigago = Deutschland
Cicero = Österreich
Givola = Goebbels
Fish = van der Lubbe

Historische Parallelen:

Inhalt Geschichtliches Ereignis
Dem Karfioltrust geht es wirtschaftlich schlecht, sie wollen von Dogsborough Staatsanleihen bekommen. Die Weltwirtschaftskrise betrifft auch Deutschland, die Junker wollen Staatsanleihen.
Der Karfioltrust verkauft Sheets Reederei für wenig Geld an Dogsborough. Die Junker schenken Hindenburg einen Gutsbesitz.
Ui ist noch im Hintergrund, es gelingt ihm nicht sich mit dem Karfioltrust zu einigen. Er möchte versuchen, auf legalem Weg an die Macht zu gelangen. Er erfährt von Bowl, dem ehemaligen Prokuristen von Sheet, dass die Reederei nun Dogsborough gehört. 1932 steht Hitler vor dem finanziellen Ende, ihm und seiner Partei droht die Auflösung. Er schafft es lange nicht, mit Hindenburg richtig zu sprechen.
Ui droht Dogsborough mit der Aufdeckung des Dockshilfeskandals, er lässt sich aber nicht einschüchtern. Hindenburg verweigert Hitler den Reichskanzlerposten, Hindenburg hat mit der Untersuchung des Osthilfeskandals zu rechnen.
Ui und seine Leute räumen alle Zeugen aus dem Weg, der Ankläger O’Casey muss die Untersuchung des Dockshilfeskandals fallen lassen. Die Untersuchung des Osthilfeskandals wird zerschlagen.
Ui lernt von einem Schauspieler in seinem Hotelzimmer, wie man auf eine große Menge von Leuten wirkt. Hitler bekommt von einem Provinzschauspieler Unterricht, er lernt, wie man auf viele Leute wirkt.
Die Gangster von Ui zünden den Speicher von Hook an, Zeugen werden durch Drohungen zum Schweigen gebracht. Im Februar 1933 geht der Reichstag in Flammen auf, Hitler beschuldigt seine Gegner den Brand gelegt zu haben.
Es kommt zum Speicherbrandprozess, Fish, der unter Drogen steht, wird als Täter verurteilt. Man merkt, dass das Gericht schon in der Hand von Arturo Ui ist. Der Niederländer Marinus van der Lubbe wird als Alleintäter für den Brand verurteilt. Heute gibt es die Theorie, dass Hitlers Leute den Reichstag selbst in Brand gesetzt haben. Da er von mehreren Seiten gleichzeitig zu brennen anfing, kann es sich nicht um einen einzelnen handeln. Giri, Givola und Roma tragen interne Machtkämpfe aus. Roma wittert eine Intrige gegen Ui und verabredet sich mit ihm zu einem Treffen in der Garage des Hotels. Hindenburg ist schon alt und wird vermutlich bald sterben, unter den Nationalsozialisten entstehen Machtkämpfe.
Ui lässt Roma und seine Gefolgsleute in der Garage des Mammoth-Hotels ermorden. Röhm und seine Gefolgsleute (die Sturmabteilung SA), die in Konkurrenz zu der Schutzstaffel SS steht, werden ausgeschaltet. Parallelen mit dem Valetins-Massaker aus der Geschichte Capones. Ui bemüht sich um das Vertrauen von Dullfeet, jedoch ist Dullfeet für die Freiheit von Cicero. Die Ermordung von Dullfeet wird schon angekündigt. Dollfuß willigt ein, die Presse zum Schweigen zu bringen. Die Presse soll nicht mehr gegen das nationalsozialistische Deutschland schreiben, um Hitler keinen Grund zu geben, in Österreich einzufallen.
Dullfeet wird ermordet, Ui möchte nun Betty Dullfeet auf seine Seite bringen. Dollfuß wird ermordet, Hitler bemüht sich um Österreich.
(„Als dann unerwartet / Ein andrer Mann, Ignatius Dullfeet, mir / Den gleichen Antrag stellte, nun für Cicero / War ich nicht abgeneigt, auch Cicero / In meinen Schutz zu nehmen.)

Ui dehnt nach einer Abstimmung, die er nur durch Drohungen für sich entscheiden konnte, seinen Einfluss auf Cicero aus.

„Wer da nicht für mich ist / ist gegen mich und wird für diese Haltung / Die Folgen selbst sich zuzuschreiben haben. / Jetzt könnt ihr wählen!“ Am 11. März 1938 marschieren Hitlers Truppen in Österreich ein. Daraufhin wird eine Volksabstimmung durchgeführt, um den „Anschluss“ im Nachhinein zu rechtfertigen.

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