Gottfried Benn – „Ein Wort“ + Interpretation

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Interpretation

Das Gedicht „Ein Wort“ von Gottfried Benn besteht aus zwei Strophen zu je vier Versen (Quartette), das Reimschema ist abab, cdcd. Alle Verse sind im vierhebigen Jambus geschrieben und weisen abwechselnd weibliche und männliche Endungen auf.

Trotz der kürze des Gedichts weist es eine Vielzahl von rhetorischen Figuren auf. Beide Strophen beginnen mit „Ein Wort“, also einer Anapher. Im ersten Vers bilden die ersten Vier Wörter „Ein Wort, ein Satz“ einen Klimax. Zusätzlich wird mit „aus Chiffren steigen / erkanntes Leben, jäher Sinn“ eine Metapher beschrieben. Im dritten Vers werden die Sonne und die Sphäre personifiziert. Zusätzlich ist „Sonne steht, Sphären schweigen“ eine Alliteration. Im vierten Vers wird das Wort „ihm“ personifiziert. Im fünften Vers wird wieder ein Klimax dargestellt: „ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf, ein Sternenstrich“.

In dem Gedicht werden zunächst ein Wort und dann ein Satz beschrieben. Beide bestehen aus Chiffren, die erst durch das Zusammensetzen einen Sinn ergeben und „zum leben erwacht werden“. Die Sonne und die ganze Atmosphäre zieht es zu diesem Wort oder Satz hin. Aus einem Wort kann von einem Glanz bis zu einem Sternenstrich alles entstehen, wenn es jedoch nicht da ist, dann ist es dunkel. In dieser Dunkelheit besteht die Welt und das lyrische Ich. Gottfried Benn stellt in dem Gedicht „Ein Wort“ ganz klar dar, wie er über die Wörter und die Sprache denkt. Zunächst erklärt er durch den Klimax im ersten Vers, wie sich ein Wort und ein Satz, also die Sprache, entwickeln. Durch die Metapher im ersten und zweiten Vers wird deutlich, dass sich aus den einzelnen Chiffren, aus denen ein Wort besteht, ein Sinn ergibt, den die Chiffren alleine nicht wiedergeben könnten. Ein Buchstabe alleine ist nicht viel Wert, erst in dem Verbund mit anderen entstehen ein Wort und ein Sinn. Den Chiffren wird also Leben eingehaucht.

Im dritten und vierten Vers wird durch die Personifikationen der Sonne, der Sphäre und des Wortes deren Beziehung verdeutlicht. Hier wird beschrieben, dass das Wort im Mittelpunkt steht und sich die Sonne und die Atmosphäre zu ihm hin wenden. Hier wird dem Leser schon klar, welche zentrale Rolle Benn dem Wort einräumt und warum das Gedicht „Ein Wort“ heißt.

Zu Beginn der zweiten Strophe wird wieder auf das Wort eingegangen. Durch den Klimax im fünften und sechsten Vers wird die Bedeutung des Wortes weiter hervorgehoben. Durch die Aufzählung der Lichtquellen, beziehungsweise deren Größe, wird klar, wie wichtig das Wort für einen einzelnen Menschen ist. Ein Sternenstrich zum Beispiel besitzt eine unvorstellbare Größe für einen Menschen. In den letzten beiden Versen wird deutlich, dass es ohne das Wort nicht nur dunkel wäre, sondern, dass ohne das Wort die ganze Welt und das lyrische Ich in einem leeren Raum, also ohne Halt, existieren würden.

Das Wort gibt den Menschen und der Welt also Halt und bewahrt sie vor der Leere und der Dunkelheit.

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