Goethe – Götz von Berlichingen: Werkgeschichte & Interpretation

Werkgeschichte

Das historische Drama war in Deutschland während des Barocks und der Zeit der Aufklärung beim Theaterpublikum wenig erfolgreich. Die deutschen Dichter beschäftigten sich in dieser Zeit mehr mit antiken Stoffen. Ein deutsches historisches Drama gab es aber nicht. Die Entdeckung der Werke Shakespeares und das Entstehen des nationalen Bewusstseins in Deutschland führten zu dem ersten deutschen Geschichtsdrama: Götz von Berlichingen.

Das deutsche Bürgertum wandte sich zu dieser Zeit gegen die vorherrschende Hofkultur französischer Prägung. Auf der Suche nach nationalen Symbolen erlebte zunächst die Barden-Dichtung in Deutschland an Einfluss. Für viele Deutsche war aber die Flucht in mythologischen Themen nicht akzeptabel. Insofern traf Goethes Drama den Zeitgeschmack. Götz spielte vor einem noch aktuellen historischen Hintergrund und wurde dadurch zu einem nationalen Thema.

Goethe wurde 1770 in Straßburg auf die historische Figur Götz von Berlichingen aufmerksam, weil er sich zu dieser Zeit, auf Anregungen Herders, mit der deutschen Geschichte und Kultur beschäftigte. Goethe war von der Person des Ritters begeistert und trug sich bald mit dem Gedanken, dessen Schicksal zu dramatisieren. Seine Schwester Cornelia ermutigte Goethe schließlich, das Drama zu schreiben.

Goethe schrieb die erste Fassung innerhalb von sechs Wochen. Später betonte Goethe in “Dichtung und Wahrheit”, dass er “ohne Plan und Entwurf, bloß der Einbildungskraft und einem innern Trieb” den Text niedergeschrieben hätte.

1771 erschien der “Ur-Götz” als erste Fassung. “Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, dramatisiert” fand aber bei Herder wenig Wohlwollen. Herder erkannte, dass sich Goethe mit seinem Götz zwar auf die Spuren Shakespeares begeben hatte, doch das Vorbild nicht erreichte.

1773 schrieb Goethe deshalb eine Neufassung. “Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, ein Schauspiel” wurde im selben Jahr anonym im Selbstverlag veröffentlicht. In der Fassung von 1773 veränderte Goethe große Abschnitte des 5. Aktes. Gekürzt bzw. bearbeitet wurden die Szenen mit Bauern und Zigeunern. Kritischer wurde jetzt das Fehdewesen von Goethe betrachtet. Die Sprache ist jetzt volksnäher. Der “Ur-Götz” erschien aber erst nach Goethes Tod 1832.

Am 12. April 1774 wurde das Drama in Berlin uraufgeführt. Der Erfolg war so groß, dass es auch auf ausländischen Bühnen aufgeführt wurde. Mehrere Dichter nahmen den Erfolg des “Götz” zum Anlass, eigene Ritterdramen zu schreiben.

1804 veröffentlichte Goethe eine weitere Fassung des “Götz”. Nach seinem Tod wurde häufig der Text des “Ur-Götz” zur Grundlage der Inszenierungen.

Die Autobiographie des Ritters Götz bildete die Grundlage des Dramas. Doch Goethe führte auch Personen auf, die nicht historisch waren. Adelheid von Walldorf und Weislingen sind keine historischen Persönlichkeiten. Goethe fasste den Ablauf einiger historischen Begebenheiten auf einen engeren Zeitabschnitt zusammen.

Aus dramaturgischen Gründen veränderte er auch die Person des Götz. Der reale Götz überlebte die im Drama geschilderten Ereignisse um mehrere Jahrzehnte und hatte mehrere Kinder und nicht nur einen Sohn.

Interpretation: Eine neue dramatische Form

Goethe brach mit seinem Ritterdrama die Traditionen des bisherigen Theaters, die sich auf die Dramen-Vorstellung des Aristoteles gründeten. Aristoteles hatte vom Drama die Einhaltung der drei Einheiten für die Handlung gefordert. Die Handlung musste während eines kurzen Zeitabschnitts ablaufen, in der Regel während eines Tages. Die Forderung nach der Einheit der Zeit definierte Aristoteles noch wesentlich strenger: Handlungszeit und Aufführungszeit sollten gleich sein.

Der Ort des Geschehens sollte während der Handlung nicht wechseln. Die Handlung sollte geradlinig dem Motiv folgen, ohne sich in Episoden und Nebenhandlungen zu verzweigen.

Trotzdem folgte Goethe in einem Teil des “Götz von Berlichingen” dem klassischen Theaterstil. Das Drama umfasst zwei Handlungen. Die Handlungsebene um den Götz folgt dem Vorbild Shakespeares und zählt damit zur offenen Dramenform.

Die bisher vorherrschende geschlossene Dramenform, die den klassischen Vorbildern folgte, ist dem Geschehen um den Ritter Weislingen vorbehalten.

Goethe sah auch diese scheinbare Problematik der zwei Handlungsabschnitte, die vom Publikum eigentlich akzeptiert wurde. Er schrieb 1809 eine weitere Fassung, die im ersten Teil Weislingen als Hauptfigur hatte, dem Götz dann im zweiten Teil folgte. Bei der Person des Götz fällt auf, dass sich seine Persönlichkeit während des Dramas nicht verändert. Obwohl die Handlungsorte sich ständig verändern, bleibt Götz die gleiche Persönlichkeit, die dem zu erwartenden Untergang unaufhaltsam entgegen geht.

Die Götz-Debatte

Obwohl die Theaterpremieren ein großer Erfolg waren, bildete die Buchfassung des “Götz” den Ausgangspunkt für eine heftige Debatte. In zahlreichen Rezensionen bekannter Zeitschriften und in einem regen Briefverkehr stritten die Anhänger und Gegner Goethes. Zu den heftigsten Kritikern gehörte Lessing, der beim Ansehen des Dramas “Ekel” empfand und nicht bis zum Ende zuschauen konnte. Andere Kritiker fanden zum Teil lobenswerte Worte. Dazu gehörten Christian Heinrich Schmid und Wieland.

Friedrich II. war verständlicherweise vom Erfolg des Dramas nicht begeistert, weil er erkannte, dass nicht nur hergebrachte Dramen-Vorstellungen verworfen wurden. Dass einfache Menschen und Adlige in einem Theaterstück gemeinsam auftraten, fand das königliche Missfallen. Die Anhänger Goethes begegneten der königlichen Kritik damit, dass sie dem Hof jede Mitsprache an den Normen der bürgerlichen Kultur absprachen.

Personen

Goethe nahm zwar den historischen Götz von Berlichingen als Vorbild für sein Drama. Aus dramaturgischen Gründen fasste Goethe aber verschiedene historische Ereignisse zusammen. Der Tod Kaiser Maximilians und der Bauernkrieg, sowie der Tod des Raubritters finden im Drama beinahe zeitgleich statt.

Wie in späteren Werken hatte Goethe in seinem Drama einige Charaktere realen Personen nachempfunden, die aus seinem unmittelbaren Umfeld stammten. Die Ehefrau Elisabeth ist Goethes Mutter nachempfunden. Goethe verewigte sich in Weislingen und seine damalige Liebe Friederike Brion in Maria.

Goethe fühlte sich eigentlich dem ungestümen Ritter Götz verbunden und wäre gerne so wie dieser. Doch Goethe zeigte im Charakter Weislingens sein eigentliches Wesen. Wie Weislingen war Goethe ein Mann, der sich am Hofe zurechtfinden musste, um Erfolg zu haben. Das zeigte sich daran, dass Goethe später als Minister arbeitete.

Götz von Berlichingen wurde von Goethe deshalb bewundert, weil der junge deutsche Dichter in Götz den “großen Kerl” sah, der sich gegen die Gesetze der neuen Epoche auflehnte. Der Ritter war für Goethe nicht ein gewöhnlicher Raubritter. Götz war ein Aristokrat, der aus seiner hohen Moral, seinem Glauben und Verantwortungsgefühl heraus handelte. Das Fehderecht sah Goethe in seinem Ur-Götz nicht als verbrecherisch. Es war für ihn ein Merkmal für den Erhalt der persönlichen Ehre.

Sprache

Die Sprache im “Götz von Berlichingen” spielte eine wichtige Rolle. Goethe bevorzugte die freie Rede als Text und verzichtete auf die bisher übliche Versform. Sprache ist auch das Erkennungsmerkmal für die verschiedenen sozialen Gruppen im Drama. Vertreter des Adels sprechen hochdeutsch und drücken sich gewählt aus. Die Bauern sprechen in der einfachen Umgangssprache. Maria verwendet häufig religiöse Floskeln aus der Zeit Luthers.

Literatur:

Rüdiger Bernhardt:
Erläuterungen zu Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen
Hollfeld: Bange 2001
(Königs Erläuterungen und Materialien; 8.)

Walter Hinderer (Hrsg.)
Goethes Dramen : Neue Interpretationen
Stuttgart: Reclam

Andreas Huyssen:
Drama des Sturm und Drang; Kommentar zu einer Epoche
München: Winkler 1980

Rudolf Ibel:
Goethe: Götz von Berlichingen. 8. Aufl.
Frankfurt a.M.: Diesterweg 1973
(Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas.)

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (1 Bewertungen, Durchschnitt: 5,00 von 5)
Loading...
Weitere Themen: