Gerhart Hauptmann – Bahnwärter Thiel: Interpretation & Werkgeschichte

Interpretation

Die Novelle ist inhaltlich in drei Abschnitte unterteilt. Zunächst beschreibt Hauptmann das Leben des Bahnwärters. Der Spannungsbogen beginnt hier und leitet weiter in den zweiten Teil. Bereits zu Anfang der Novelle deutet sich das nahende Unheil an, das im zweiten Teil über den Mann hereinbricht. Der dritte Teil führt zum grausamen Finale. Der Zeitrahmen der Novelle erstreckt sich dabei über zwölf Jahre.

Der Bahnwärter ist ein schlichter, einfacher Mensch, der vom Schicksal aus der Bahn geworfen wird. Obwohl er ordentlich seiner Arbeit nachgeht, bleibt er für die Dorfbewohner ein Außenseiter, zumal er nach dem Tod seiner ersten Frau erneut heiratet.

Trotz seiner neuen Ehe bleibt beim Bahnwärter ein Gefühl der Einsamkeit. Er ist einfach nicht in der Lage, mit seinem Schicksal rational umzugehen. So flüchtet er sich nach dem Tod seiner ersten Frau in eine tiefe Religiosität und in den Mystizismus.

Seine zweite Frau Lene ist eine zänkische und herrschsüchtige Frau, und Thiel flüchtet daher vor ihr in sein vertrautes Bahnwärterhaus. Hier sucht er sein Heil in Gebeten, Gesängen und fängt an zu halluzinieren.

Die Schilderung der letzten Tage erfolgt mit genauen Zeitangaben und erzeugt damit eine dramatische Beschleunigung der Handlung. Die umgebende Natur wird immer düsterer gezeichnet und weist auf das dramatische Finale hin.

Hautpmann lässt seinen Figuren aber keine Möglichkeit, dem Verhängnis zu entkommen. Nach dem Tod seines Sohnes steigert sich Thiel in seinen Wahnvorstellungen und flüchtet sich in innere Monologe. Während Hauptmanns Sprache in diesen Passagen immer drängender wird und den Leserimmer mehr fesselt, ist der Schluss wieder im nüchternen, distanzierten Worten verfasst.

Gerhart Hauptmann war einer der ersten deutschen Dichter, der in seinen Werken die Mundart der Menschen in den Dialogen verwendete. Doch in seiner Novelle vom Bahnwärter Thiel verzichtete er darauf. Seine Dialoge sind hier sehr knapp gehalten und veranschaulichen die Sprachlosigkeit seiner Personen, die nicht in der Lage sind, miteinander zu reden.

Werkgeschichte

Die berühmte Novelle “Bahnwärter Thiel” entstand in der Zeit als Gerhart Hauptmann in Erkner bei Berlin wohnte. Hauptmann hatte in den Jahren davor mehrere persönliche Krisen zu überwinden gehabt und hatte sich zu diesem Zeitpunkt entschlossen, als Schriftsteller zu arbeiten.

Mit “Bahnwärter Thiel” und der zu gleichen Zeit entstandenen Novelle “Fasching” hatte Hauptmann persönliche Erlebnisse der letzten Jahre verarbeitet. Viele seiner späteren Werke sollten ebenfalls vom persönlich Erlebten geprägt werden. Welche Personen aus seinem Umfeld für die Novelle Pate standen, ist für Literaturwissenschaftler aber ungewiss. Sicher ist, dass Hauptmann zahlreiche Menschen befragte und die Landschaft erforschte, die in der Novelle vorkommen sollte.

“Bahnwärter Thiel” erschien zuerst 1887 in der Zeitschrift “Die Gesellschaft”. Deren Verleger Michael Georg Conrad lobte die Novelle.

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