Gerhart Hauptmann – Die Weber: Interpretation & Werkgeschichte

Entstehung

Das Schicksal der Weber in Schlesien war Hauptmann bereits aus der eigenen Familiengeschichte bekannt. Sein Urgroßvater und sein Großvater arbeiteten als Weber. Hauptmanns Vater erzählte seinem Sohn von deren Erlebnissen.

1844 hatten sich die schlesischen Weber gegen ihre Ausbeutung erhoben. Der Aufstand war zwar nicht erfolgreich, doch war er in der deutschen Literatur immer noch präsent. Hauptmann wollte dieses Ereignis in eine dramatische Form bringen. Hauptmann befragte für sein geplantes Theaterstück Überlebende des Aufstandes. Sprachlich sollte das Drama die schlesische Mundart wiedergeben. Hauptmann betrachtete einen Dialekt nicht als humoristisches Beiwerk in einem Theaterstück. Die Sprache diente Hauptmann dazu, Realität darzustellen. Für die Endfassung der “Weber” benutzte er dann doch nicht den reinen schlesischen Dialekt. Er bearbeitete den Text so, dass ihn das Publikum besser verstehen konnte.

Obwohl die preußische Zensur alles unternahm, konnten die Aufführungen und deren überwältigender Erfolg nicht verhindert werden. Das Drama wurde auch als Buchausgabe ein großer Erfolg und wurde bis in die Gegenwart ständig neu aufgelegt.

Weberaufstand

Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Mechanisierung der Produktion. Hatten die Menschen bisher ein oft bescheidenes Auskommen, so bedrohte nun die preiswertere Massenproduktion ihren Lebensunterhalt. Die schlesischen Weber konnten mit den Erzeugnissen aus dem Ausland nicht konkurrieren. Um zu überleben wurden die Weber abhängig von den Händlern, die ihre Stoffe exportierten. Dabei erhielten die Weber eine immer geringer werdende Entlohnung. Eine breite Verelendung der Beschäftigten und ihrer Familien fand statt. Kinder- und Frauenarbeit fand weite Verbreitung. 1844 erhoben sich spontan hunderte schlesischer Weber. Der Aufstand wurde wenig später niedergeschlagen.

Interpretation

Hauptmann verzichtete bei den Webern darauf, herausragende Charaktere zu schaffen. Er lässt in seinem Stück trotzdem keine gesichtslosen Massen aufeinander prallen. Die Handlung orientierte sich am Schicksal einzelner Personen. Dieses Fehlen von “Helden” war zu dieser Zeit im deutschen Theater unbekannt. In den fünf Akten skizziert er immer wieder einzelne Personen mit wenigen Worten und Handlungen. Er gibt ihnen damit individuelle Züge.

Kritiker bemängelten dabei, dass Hauptmann mit dieser Methode das Handeln der Fabrikanten etwas überzeichnet habe. Doch Hauptmann wollte mit den Webern kein Klassenkampfstück präsentieren. Ihm ging es um die persönlichen Schicksale seiner Akteure. Obwohl Hauptmann das Schicksal der Weber bewegte, lässt er sie als “Masse” nur im vierten Akt auf der Bühne agieren. In den anderen Akten sieht man die Weber nur als kleine Gruppe oder Einzelpersonen. Seine Personen zeigen dabei auch Verhaltensweisen, die ihrer sozialen Herkunft entsprechen.

Hilse, früher Soldat, hat sich in die Religion geflüchtet, um sich von der eigenen Not abzulenken. Sein Herr ist nun Gott, dem er gehorcht, wie früher seinen Offizieren. Seine Treue wird aber nicht gelohnt, er wird von einer Kugel niedergestreckt.

Hauptmanns Weber sind aber nicht die Revolutionäre, wie sie in der Propaganda uns präsentiert werden. Seine Weber sind einfache Menschen, die nur ihr bescheidenes Auskommen haben wollen. Sie glauben daran, dass ihr Elend noch mit friedlichen Mitteln von den Behörden beseitigt werden kann.

Zu diesen Menschen gehört Baumert. Erst als das Leben der Weber hoffnungslos ist, begehrt er auf. Trotzdem bleibt sein Glaube an die allgemeingültige Gerechtigkeit erhalten.

Weniger nachdenklich ist Ansorge. Er ist ein einfacher Mann, der erst in dem größten Elend erwacht und wütend das Haus des Fabrikanten stürmt.

Moritz Jäger hat beim Militär gedient. Er hatte dort wegen seiner Gewitzheit ein gutes Leben. Die Weber bewundern ihn, wie er nun, scheinbar wohlhabend und spendierfreudig wieder in seine Heimat zurückkehrt. Jäger, obwohl kein intellektueller Revolutionär erkennt bald die Not der Weber und wird zu einer ihrer führenden Personen in der Auseinandersetzung mit den Fabrikanten. Aber er ist nicht ein Mensch mit Führungsqualitäten.

Dazu gehört auch Bäcker. Er ist auch nicht mehr bereit, ein Leben in Demut und Unterwürfigkeit zu verbringen. Selbstbewusst tritt er den Fabrikanten entgegen, die sein Verhalten als frech empfinden.

Der Schmied Wittig, früher wie Jäger auch Soldat, entspricht eher dem vertrauten Bild des Revolutionärs. Er ist gegen jede Ungerechtigkeit und wird auch handgreiflich, um Schwächere zu schützen. Im Gegensatz zu Jäger und Bäcker erkennt er auch, warum es zu dem Elend der Weber gekommen ist. Wittig kämpft gegen ein politisches System, das durch seine Wertvorstellungen dafür sorgt, dass die Weber keine Hoffnung entwickeln dürfen.

Wie bereits erwähnt wurde Hauptmann vorgeworfen, die Fabrikanten als Karikatur verzerrt zu haben. Hauptmann beabsichtigte das auf keinen Fall. Er erläutert hingegen die wirtschaftlichen Zwänge, denen der Fabrikant Dreißiger unterworfen ist. Der Absatz seiner Waren wird durch ausländische Schutzzölle und die preiswerteren Produkte aus England verringert. Dreißiger hätte die Möglichkeit, seine Unternehmungen zu modernisieren und den neuen technischen Entwicklungen anzupassen. Doch Dreißiger ist kein “moderner” Unternehmer. Um seine sinkenden Einnahmen zu steigern, sieht er nur eine Möglichkeit: die Löhne müssen gesenkt und die Produktion erhöht werden.

Dabei kümmert ihn es auch nicht, dass seine Arbeiter immer mehr im Elend versinken. Als diese sich beklagen, höhnt er, dass sie eben sparsamer sein müssten. Dreißiger fühlt sich immer im Recht und duldet keinen Widerspruch. Eltern, deren Kinder vor Hunger zusammenbrechen, mahnt er, den Kindern nicht so viel Stoffe aufzuladen.

Er hat mit dieser Haltung lange keine Probleme, weil es ihm immer wieder gelang, seine Beschäftigten zu “überzeugen”, dass sie selber an ihrem Elend schuld seien. So ist er mehr als erbost, dass sich mit Bäcker, Wittig und Jäger Widerstand regt.

Sein Expedient Pfeifer ist für Hauptmann das Ebenbild eines Menschen, der durch seinen sozialen Aufstieg in eine Machtpostition gelangt ist, die er dann weidlich ausnützt. Pfeifer war früher Weber und müsste eigentlich das soziale Elend der Menschen kennen. Doch als Angestellter Dreißigers stellt er sich ganz in dessen Dienst. Ist bereits Dreißiger ein skrupelloser Mensch, so wird er von Pfeifer noch übertroffen. Ständig schikaniert Pfeifer die Weber. Er verlangt immer mehr Leistung von ihnen und drückt dabei kräftig die Löhne. Auch mäkelt er ständig an den Produkten der Weber herum.

Obwohl er voller Servilität seinem Herrn dient, findet er bei Dreißiger keine Anerkennung und Wohlwollen. Der Zorn der Weber ist daher besonders groß gegen Pfeifer, größer als gegen Dreißiger. Doch der Fabrikant ist nicht bereit, seinen Expedienten, den wütenden Webern auszuliefern. Sein Motiv ist dabei nicht Anerkennung von Pfeifers Loyalität. Dreißiger verachtet die Weber dermaßen, das er ihnen deshalb Pfeifer nicht ausliefert.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3 Bewertungen, Durchschnitt: 4,67 von 5)
Loading...
Weitere Themen: