Industrielle Revolution in England

Vor der Industrialisierung (bis 1800) gab es in Europa eine ständisch-agrarische Ordnung und die Wirtschaft hatte einen sehr landwirtschaftlichen Charakter. Die meisten Menschen waren Arbeiter, Bauern oder Grundherren und eine hierarchische Ständegesellschaft ordnete die gesellschaftliche Stellung genau zu: Der Arbeiter säte, pflügte und erntete; der Bauer hatte das Besitzrecht und der Grundherr bekam Frondienste. Erst mit der sogenannten Bauernbefreiung 1807 in Preußen endete diese Bestimmung.

Die Kirche hatte die Vormachtstellung und kulturelle Normen mussten von allen eingehalten werden. Sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich waren die Bedingungen sehr schlecht. Materialien wurden immer teurer, es wurde mit bäuerlichen Produktionsweisen gearbeitet und aufgrund der schlechten Infrastruktur gab es keine Handelswege und dadurch eine geringe Beweglichkeit. Gesellschaftlich bedeutete dies, dass der Wunsch nach einem behaglichen Leben immer größer wurde. Schlechte Ernten und daraus folgende Hungersnöten führten außerdem immer wieder zu einem Mangel an Produktion.

Grundbedingungen der Industrialisierung

  • muss lohnenswert für alle Bevölkerungsschichten sein
  • Rohstoffvorkommen → Industrieansiedlung nahe der Abbaugebiete (kurze Transportwege, sinkende Transportkosten)
  • Städtezuwachs durch höhere Löhne und dauerhafte Beschäftigung

„Bevölkerungsgesetz“ von Thomas Robert Malthus besagte, dass die Bevölkerung irgendwann das Subsistenzmittelvorkommen (Subsistenzmittel = Existenzmittel wie Lebensmittel) übersteigt und weitere Hungersnöte die Folge wären. Dieses traf allerdings nicht zu!

Die Industrielle Revolution in England

Die 4 wichtigsten Ausgangsbedingungen für die Industrielle Revolution in England waren das kapitalistische Denken, die Agrarrevolution, die Bevölkerungsexplosion und der Standort England.

kapitalistisches Denken

Nach der Auffassung des Theologen Johannes Calvin, der calvinistischen Ethik, ist jeder wirtschaftliche Erfolg ein Zeichen für die Heiligkeit Gottes. Sparsamkeit, Fleiß und harte Arbeit sollten zu diesem Erfolg beitragen. Aus diesem Gedanken entstand in England im 16. und 17. Jahrhundert die Bewegung der Puritaner. Der Puritanismus bedeutete, dass man großen Wert auf ein sittenstrenges Leben legte und moralisch handeln musste, um durch Gottes Gnade zum Erfolg zu gelangen. Wirtschaftliche Erfolge und Neuerungen erhöhten das Gewinnstreben und der Mut zur Kapitalanlage stieg. In dieser Zeit wurde auch die Bank of England gegründet (1694).

Agrarrevolution

In England gab es das Prinzip der Einhegung (Enclosures), das heißt, dass Gemeindeland privatisiert wird, um dann landwirtschaftlich genutzt zu werden. Außerdem gab es meist Großgrundbesitzer (übrigens keine Leibeigenschaft), damit die Produktivität gesteigert werden konnte.

Bevölkerungsexplosion

Das hohe Arbeitskräfteangebot führte zur Landflucht, da immer mehr Menschen in die Städte reisten, wo sie arbeiteten. Die Mobilität wurde durch technische Fortschritte um einiges verbessert: ab 1769 wurde die Eisenbahn zur Kohlebeförderung genutzt und ab 1825 schließlich auch zur Personenbeförderung.

Standort Englands

Durch den Sieg über die spanische Flotte Armada 1588, kontrollierte England die Seewege und wurde zur See- und Handelsmacht. Der englische Leitsektor war damals übrigens die Textilindustrie. Ein weiterer wichtiger Vorteil Englands war, dass es schon damals ein einheitliches Wirtschaftsgebiet war und keine Zölle gezahlt werden mussten.

Die sehr positiven Ausgangsbedingungen Englands (kapitalistisches Denken, Agrarrevolution, Bevölkerungsexplosion, Standort) führten zu allerlei technologischen Entwicklungen, die das Leben der Handwerker und Arbeiter erleichterten:

1733:     Erfindung von Webstühlen
1766:     System der Erzverhüttung
1769:     Erfindung der wasserbetriebenen Spinnmaschine und der Dampfmaschine
1784:     Puddelverfahren
1785:     Erfindung der mit Dampf betriebenen Spinnmaschine

Das ausgebaute Fabriksystem Englands führte dazu, dass neben der Textilindustrie auch die Schwer- und Eisenbahnindustrie zum Leitsektor wurden.

Entwicklung in Deutschland

Deutschland hatte aufgrund fehlender Grundausbildung kaum qualifizierte Arbeitskräfte sowie keine Erfahrungen mit Fabrikarbeit. Es gab außerdem keine neuen Fertigungstechniken oder Maschinen, da diese viel zu teuer waren und gegen die Zunftordnung verstoßen. Auch der Mangel an Rohstoffen, das nicht einheitliche Wirtschaftsgebiet und das fehlende Kapital zum Investieren waren weitere Hemmnisse für Deutschland.

Durch Reisen nach England wurden die neuen Techniken durch Industriespionage nachgebaut und die englischen Innovationen, wie Textilmaschinen, Kokshochöfen, Dampfmaschinen und Lokomotiven, wurden übernommen.

Schließlich schlossen sich einige Staaten innerhalb Deutschlands zusammen (bspw. Württemberg und Bayern, Hamburg und Bremen) und erweiterten so ihr Wirtschaftsgebiet.

Um 1840 hatten sich die Deutschen bereits im Sektor der Schwer- und Eisenbahnindustrie etabliert und zur Sicherung des Kapitals wurden Aktiengesellschaften und Kreditanstalten gegründet. Außerdem beschleunigte die private Eigeninitiative die ökonomische Entwicklung, ganz nach der Theorie Adam Smiths*.

Trotzdem war der industrielle Erfolg nur in bestimmten Regionen zu verbuchen. Dieser Erfolg war abhängig von der Anzahl und der Art an Bodenschätzen, die verfügbar waren, von dem Zugang von Häfen in der Nähe und von der Nähe zum Ausland. 1871 war dies in Deutschland flächendeckend der Fall.

In Deutschland war die Hochindustrialisierung die Zeit von 1873 (also kurz nach der Reichsgründung 1871) bis 1890, in der die Risikobereitschaft stieg und die Produkte differenziert wurden. Allerdings gab es auch Probleme bezüglich des Finanzsystems, welches die Anforderungen der Industriegesellschaft nicht erfüllte. Außerdem gab es erste Zusammenbrüche aufgrund überzogener Spekulationen, was zu Arbeitslosigkeit und hohen Verschuldungen führte.

*Adam Smith und die „unsichtbare Hand“
Adam Smith (1723 – 1790) war ein schottischer Theologe und Philosoph und Gründervater der Volkswirtschaftslehre. Seiner Theorie nach, sollte das Gemeinwohl durch das Streben nach Erfolg eines jeden Einzelnen zum Erfolg führen. Wie eine unsichtbare Hand würde die ökonomische Entwicklung automatisch gefördert werden und sich so schließlich eine Eigendynamik entwickeln.

Die zweite Industrielle Revolution in Deutschland

Man spricht für die 1870er und 1880er Jahre von einer zweiten Industriellen Revolution, da in Deutschland eine zweite Phase der Industrialisierung begann. Man spezialisierte sich nämlich zusätzlich zur Schwer- und Eisenbahnindustrie auf die chemische und elektrotechnische Industrie.

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